Harald Kegler
10 Jahre "Zwischenstadt" ... und nichts dazu gelernt? Die neue Ausgabe widmet sich mit Beiträgen einem Jubiläum besonderer Art: Dem 10. Jahrestag des Erscheinens eines Buches, das Kontroversen auslöste, Hoffnungen weckte und Sichten veränderte. Doch hat es auch praktische Auswirkungen gezeitigt?

Mit einem Geniestreich legte Thomas Sieverts 1997 jenes Buch vor, das dem
"Etwas" zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land einen griffigen,
jedoch auch widersprüchlichen Namen gab. Damit bekam dieses "Etwas" ein
deutschsprachiges Pendant zum amerikanischen Sprawl. Dies ist ganz zweifelsohne
ein bleibendes Verdienst des Autors: Dem "Unland" außerhalb der Kernstädte und
Dörfer nicht nur einen Namen gegeben zu haben sondern diesen Raum überhaupt aus
der (deutschen) Namenlosigkeit geholt zu haben. Erst mit einem Namen kann eine
konkrete Auseinandersetzung beginnen. Dies ist zudem einer der wenigen
innovativen Beiträge der deutschen akademischen Welt zur internationalen Debatte
um das Thema Suburbanisierung, der Beachtung fand, ohne jedoch tatsächlich
Eingang in das Fachvokabular jenseits von Rhein unnd Oder gefunden zu haben.
Sprawl hingegen ist zu einem weltweiten Erklärungs- und Kampfbegriff in der
wissenschaftlichen und praktisch planerischen Debatte um die Zersiedlung der
Landschaft avanciert. Dies tut dem Buch keinen Abbruch. Es ist jenseits der
treminologischen Bedeutung ein Planungsstandardwerk gewerden, das den
Wissensstand zur Stadt- und Regionalplanung der späten Industriegesellschaft
umreißt und somit den Charakter eines Kompendiums erlangt hat.
Bis zum Erscheinen des Buches war das, was sich "vor den Toren" der Städte, im
ländlichen oder quasi-urbanisierten Raum, an den Autobahnkreuzen und Flughäfen,
in den industriellen Arealen und den Wohn- sowie Einkauflandschaften "auf der
grünen Wiese" abspielte kein ernsthafter Gegenstand der wissenschaftlich und
planerischen Debatte - abgesehen von Kassandrarufern. Alles wurde auf Innen- und
Außenberich reduziert und damit unspezifisch nach Baugesetzbuch abgearbeitet mit
dem Ergebnis, dass etwas entstand, das weder Stadt noch Land ist. Im Zentrum
stand seit den 1970er Jahren - durchaus zurecht - der Wiedergewinn der Kernstadt
mit den historischen Zentren, aber auch den Gründerzeitgebieten, das Abwehren
von Kahlschlagsanierung und der städtebauliche Denkmalschutz, kurz die Reparatur
des durch den modernen Städtebau ramponierten, historisch gewachsenen
Stadtgefüges.
Das "Ausufern" der Stadt wurde als notwendiges Übel oder einfach nur als
Tatsache hingenommen, zwar gelegentlich kritisiert, aber nicht ernsthaft und
systematisch bearbeitet. Ganz anders in den USA. Der Sprawl wurde bereits in den
1970er Jahren als Teil eines Prozesses diskutiert, der die urbanen Grundlagen
der zivilisierten Gesellschaft unterminiert - Innenstadtzerstörung und
Ausbreitung des Spawls gehören zusammen. Darauf setzten verschiedene Strategien
an, die die Reparatur der Moderne und die Suche nach praktischen Alternativen
beinhalteten. Diese Initiativen haben verschiedenen namen, New Urbanism ist
einer unter diesen.
Im Gefolge des Buches von Thomas Sieverts, das seine Quelle im Ruhrgebiet und
der Internationalen Bauaustellung Emscher Park hatte, gewann das Thema
Suburbanisierung und Umgang mit der Zersiedlung an Dynamik. Das verdienstvolle
Buch von Brake, Dangschat und Herfert zur „Suburbanisierung in Deutschland“ kann
zu den ersten umfassenden Publikationen nach dem Buch von Sieverts gezählt
werden, das die Tendenzen in der Suburbanisierung in Deutschland behandelt und
erste Ausblicke wagte. Die internationale Debatte ist da forscher am Werke. Mit
polemischen Schriften, aber auch neuen Medien, die geradezu propagandistische
Züge tragen, werden das „Ende des amerikanischen Traums“ und das „Ende von
Suburbia“ parodiert, diskutiert, Alternativen entwickelt, aber auch
grundsätzlich Überlegungen zum Verhältnis der „erdölbasierten Wirtschaftsweise
und der Suburbanisierung“ erörtert. Die Diskussion hat eigentlich erst begonnen.
Die Schrift von Thomas Sieverts ist kein alter Hut und in der Grundaussage
aktueller denn je, doch bleibt die Frage, welche Konsequenzen und Wirkungen sie
wirklich hatte. War die „Zwischenstadt“ Beschreibung eines Zustandes und Aufruf,
diesen zu verändern oder mehr eine Zielbeschreibung, diesen Zustand „lieben zu
lernen“? Es sollen hier keine Antworten vorweg genommen werden. Meinungen sind
gefragt: Das Forum ist eröffnet!
Die Neue Stadt will dafür eine Plattform liefern. Diese wird flankiert durch
Beiträge zum Thema Suburbanisierung – so ein Beitrag zu „New Bombay“ und mit
weiteren Texten, die das Thema aus nationaler und internationaler Perspektive
berühren. Die Liste der Texte ist nicht abgeschlossen – es werden weitere
folgen.
Die Aktualität der Probleme von „Zwischenstädten“ ist ungebrochen. Handeln tut
not. Deswegen wird neben den akademischen Beiträgen auch ein aktueller
Planungsbericht eingefügt: Eine gearde begonnene Charrette zur Revitalisierung
von Sundern, einer kleinen Stadt südlich des Ruhrgebietes, die eigentlich alle
Merkmale einer Zwischenstadt trägt: autogerecht, profillos, suburbanisiert
illustriert diesen Versuch. Ihr Umbau im stadtregionalen Kontext wird durch ein
offenes Beteiligungsverfahren, eine Charrette, eingeleitet. Daran beteiligt sind
neben dem Autor (www.dr-kegler.de ) auch die Büros Machleidt+Partner und Freie
Planungsgruppe Berlin sowie die Bewohner der Stadt. Hier kann am konkreten
Prozess erprobt werden, wie der Umbau der Zwischenstadt erfolgen könnte, welchen
praktischen Möglichkeiten bestehen, diesen Ort im Nirgendwo wieder zu einem
lebendigen, liebenswerten und städtebaulich attraktiven Gemeinwesen zu
entwickeln. Auch dazu ist die Diskussion eröffnet.