Harald Kegler

Die Neue Stadt 3 07

Zur neuen Ausgabe 2007:

10 Jahre "Zwischenstadt" ... und nichts dazu gelernt? Die neue Ausgabe widmet sich mit Beiträgen einem Jubiläum besonderer Art: Dem 10. Jahrestag des Erscheinens eines Buches, das Kontroversen auslöste, Hoffnungen weckte und Sichten veränderte. Doch hat es auch praktische Auswirkungen gezeitigt?

Mit einem Geniestreich legte Thomas Sieverts 1997 jenes Buch vor, das dem "Etwas" zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land einen griffigen, jedoch auch widersprüchlichen Namen gab. Damit bekam dieses "Etwas" ein deutschsprachiges Pendant zum amerikanischen Sprawl. Dies ist ganz zweifelsohne ein bleibendes Verdienst des Autors: Dem "Unland" außerhalb der Kernstädte und Dörfer nicht nur einen Namen gegeben zu haben sondern diesen Raum überhaupt aus der (deutschen) Namenlosigkeit geholt zu haben. Erst mit einem Namen kann eine konkrete Auseinandersetzung beginnen. Dies ist zudem einer der wenigen innovativen Beiträge der deutschen akademischen Welt zur internationalen Debatte um das Thema Suburbanisierung, der Beachtung fand, ohne jedoch tatsächlich Eingang in das Fachvokabular jenseits von Rhein unnd Oder gefunden zu haben. Sprawl hingegen ist zu einem weltweiten Erklärungs- und Kampfbegriff in der wissenschaftlichen und praktisch planerischen Debatte um die Zersiedlung der Landschaft avanciert. Dies tut dem Buch keinen Abbruch. Es ist jenseits der treminologischen Bedeutung ein Planungsstandardwerk gewerden, das den Wissensstand zur Stadt- und Regionalplanung der späten Industriegesellschaft umreißt und somit den Charakter eines Kompendiums erlangt hat.

Bis zum Erscheinen des Buches war das, was sich "vor den Toren" der Städte, im ländlichen oder quasi-urbanisierten Raum, an den Autobahnkreuzen und Flughäfen, in den industriellen Arealen und den Wohn- sowie Einkauflandschaften "auf der grünen Wiese" abspielte kein ernsthafter Gegenstand der wissenschaftlich und planerischen Debatte - abgesehen von Kassandrarufern. Alles wurde auf Innen- und Außenberich reduziert und damit unspezifisch nach Baugesetzbuch abgearbeitet mit dem Ergebnis, dass etwas entstand, das weder Stadt noch Land ist. Im Zentrum stand seit den 1970er Jahren - durchaus zurecht - der Wiedergewinn der Kernstadt mit den historischen Zentren, aber auch den Gründerzeitgebieten, das Abwehren von Kahlschlagsanierung und der städtebauliche Denkmalschutz, kurz die Reparatur des durch den modernen Städtebau ramponierten, historisch gewachsenen Stadtgefüges.

Das "Ausufern" der Stadt wurde als notwendiges Übel oder einfach nur als Tatsache hingenommen, zwar gelegentlich kritisiert, aber nicht ernsthaft und systematisch bearbeitet. Ganz anders in den USA. Der Sprawl wurde bereits in den 1970er Jahren als Teil eines Prozesses diskutiert, der die urbanen Grundlagen der zivilisierten Gesellschaft unterminiert - Innenstadtzerstörung und Ausbreitung des Spawls gehören zusammen. Darauf setzten verschiedene Strategien an, die die Reparatur der Moderne und die Suche nach praktischen Alternativen beinhalteten. Diese Initiativen haben verschiedenen namen, New Urbanism ist einer unter diesen.

Im Gefolge des Buches von Thomas Sieverts, das seine Quelle im Ruhrgebiet und der Internationalen Bauaustellung Emscher Park hatte, gewann das Thema Suburbanisierung und Umgang mit der Zersiedlung an Dynamik. Das verdienstvolle Buch von Brake, Dangschat und Herfert zur „Suburbanisierung in Deutschland“ kann zu den ersten umfassenden Publikationen nach dem Buch von Sieverts gezählt werden, das die Tendenzen in der Suburbanisierung in Deutschland behandelt und erste Ausblicke wagte. Die internationale Debatte ist da forscher am Werke. Mit polemischen Schriften, aber auch neuen Medien, die geradezu propagandistische Züge tragen, werden das „Ende des amerikanischen Traums“ und das „Ende von Suburbia“ parodiert, diskutiert, Alternativen entwickelt, aber auch grundsätzlich Überlegungen zum Verhältnis der „erdölbasierten Wirtschaftsweise und der Suburbanisierung“ erörtert. Die Diskussion hat eigentlich erst begonnen.

Die Schrift von Thomas Sieverts ist kein alter Hut und in der Grundaussage aktueller denn je, doch bleibt die Frage, welche Konsequenzen und Wirkungen sie wirklich hatte. War die „Zwischenstadt“ Beschreibung eines Zustandes und Aufruf, diesen zu verändern oder mehr eine Zielbeschreibung, diesen Zustand „lieben zu lernen“? Es sollen hier keine Antworten vorweg genommen werden. Meinungen sind gefragt: Das Forum ist eröffnet!

Die Neue Stadt will dafür eine Plattform liefern. Diese wird flankiert durch Beiträge zum Thema Suburbanisierung – so ein Beitrag zu „New Bombay“ und mit weiteren Texten, die das Thema aus nationaler und internationaler Perspektive berühren. Die Liste der Texte ist nicht abgeschlossen – es werden weitere folgen.

Die Aktualität der Probleme von „Zwischenstädten“ ist ungebrochen. Handeln tut not. Deswegen wird neben den akademischen Beiträgen auch ein aktueller Planungsbericht eingefügt: Eine gearde begonnene Charrette zur Revitalisierung von Sundern, einer kleinen Stadt südlich des Ruhrgebietes, die eigentlich alle Merkmale einer Zwischenstadt trägt: autogerecht, profillos, suburbanisiert illustriert diesen Versuch. Ihr Umbau im stadtregionalen Kontext wird durch ein offenes Beteiligungsverfahren, eine Charrette, eingeleitet. Daran beteiligt sind neben dem Autor (www.dr-kegler.de ) auch die Büros Machleidt+Partner und Freie Planungsgruppe Berlin sowie die Bewohner der Stadt. Hier kann am konkreten Prozess erprobt werden, wie der Umbau der Zwischenstadt erfolgen könnte, welchen praktischen Möglichkeiten bestehen, diesen Ort im Nirgendwo wieder zu einem lebendigen, liebenswerten und städtebaulich attraktiven Gemeinwesen zu entwickeln. Auch dazu ist die Diskussion eröffnet.

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Ausgabe: II/VI