New Urbanism – Ein Modell für NRW?

Universität Dortmumd


Anlass und Zielsetzung
Das Fortgeschrittenenprojekt F 08 der Fakultät Raumplanung der Universität Dortmund hat sich in seiner zweisemestrigen Arbeit mit dem Thema New Urbanism auseinander gesetzt. Unter der Forschungsfrage: New Urbanism- ein Modell für NRW? beschäftigte sich die Gruppe vor allem mit der Übertragbarkeit der amerikanischen Städtebaubewegung auf das Bundesland Nordrhein- Westfalen. Ziel der Projektarbeit war es, eine eigene kritische Position zum New Urbanism zu entwickeln. Unter anderem wurde untersucht, was den New Urbanism für Europa so interessant macht, und ob er tatsächlich alternative Ansätze zur Stadterneuerung, Stadterweiterung und zum Stadtumbau bieten kann.

New Urbanism
Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich in der Siedlungsentwicklung Amerikas ein immer stärker werdender Trend zur Suburbanisierung ab. Die so entstandenen monofunktionalen Urban Sprawl Siedlungen stellen derzeit ein großes städtebauliches Problem in den Vereinigten Staaten dar. Heute sind mehr als 50% der amerikanischen Bevölkerung im Umland der Städte angesiedelt. Aussterbende Innenstädte, großer Flächenverbrauch, soziale Segregation und die Abhängigkeit vom Auto sind kennzeichnend für die Problematik des Urban Sprawl.

Um dieser Problematik entgegen zu treten hat sich Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts die Städtebaubewegung New Urbanism gegründet. Sie setzt sich mit den aktuellen Problemen des amerikanischen Städtebaus auf unterschiedlichen Ebenen auseinander und entwickelt Lösungsvorschläge. Zentrales Organ der Bewegung ist der jährlich zusammentreffende „Congress of New Urbanism“, als Diskussionsforum. Teilnehmer sind hierbei nicht nur Planer und Architekten, sondern auch Investoren, Ökologen, Bürger und andere Interessengruppen.

Zwischen 1993 und 1996 wurde auf den Kongressen die Charta des New Urbanism entwickelt. Sie stellt das gemeinsame städtebauliche Leitbild der Bewegung dar. Sie ist nicht als „Checkliste“ zur Erstellung einer New Urbanism Siedlung, sondern als Richtlinie zu verstehen. Gegliedert ist die Charta in drei räumliche Ebenen, die untereinander verknüpft sind. Die erste Ebene beschäftigt sich mit der Region. Hier wird die genaue Definition, Trennung und Erhaltung der verschiedenen Teilbereiche festgeschrieben. Gegenstände der zweiten Ebene sind die Nachbarschaft, der Bereich und der Korridor. Auch hier wird die klare Trennung der einzelnen Bereiche hervorgehoben, jedoch wird sie durch die Forderung nach einer Vernetzung, ergänzt. Dies betrifft zum einen die verkehrsplanerische Vernetzung durch ein ausgereiftes Fußgänger- und ÖPNV- System, zum anderen jedoch auch die soziale Vernetzung durch die Mischung von Bevölkerungsgruppen. Auf der dritten Ebene befasst sich die Charta mit dem Block, der Straße und dem Haus. In diesem Abschnitt wird besonderes Augenmerk auf die städtebauliche Gestaltung dieser Bereiche gelegt.
Auf Basis der Charta werden von den Teilnehmern der Kongresse Lösungsvorschläge für aktuelle Probleme des Städtebaus entwickelt. Diese werden dann in Beispielprojekten umgesetzt. Auf dem jeweils folgenden Kongress werden die Resultate dann vorgestellt und diskutiert. Hieraus ergeben sich neue Strategien.
In der internationalen, sehr kritischen Diskussion über den New Urbanism wird der Fokus häufig auf die oftmals umstrittenen Neubauprojekte auf der „Grünen Wiese“ gerichtet. Hierbei wird häufig vernachlässigt, dass der New Urbanism sich auch der Entwicklung des Bestandes verschrieben hat. So gibt es Projekte zur Nachbesserung bestehender Urban Sprawl Siedlungen, zum Umbau bestehender Shopping Malls und zur Revitalisierung der Innenstädte durch die Bebauung von Brachflächen. Der New Urbanism bietet also eine Vielzahl an Lösungsvorschlägen für unterschiedlichste Bereiche des Städtebaus an.

Kritik am New Urbanism
Hauptkritikpunkt am New Urbanism ist in Fachkreisen vor allem seine starke Anlehnung an traditionelle Leitbilder des europäischen Städtebaus. So stellte die Projektgruppe die These „Der New Urbanism ist in seinen städtebaulichen Inhalten nicht neu für Europa“ auf. Um diese zu bestätigen oder zu widerlegen beschäftigte sich die Gruppe mit unterschiedlichsten Themen aus dem Bereich Städtebau, wie: Städtebauliche Leitbilder, Postmoderne, Populismus, Stadtgestaltung und Baukultur, europäische Stadt und New Urbanism in Europa. Die Bearbeitung ergab, dass, viele Elemente und Grundlagen des europäischen Städtebaus im New Urbanism verankert sind. Nach Auswertung aller Erkenntnisse konnte die Projektgruppe ihre These bestätigen. Die städtebaulichen Inhalte des New Urbanism stellen für Europa keine Neuheit dar, sondern lediglich die zusammengestellte und verschriftlichte Zusammenfassung vorhandener Elemente des europäischen Städtebaus in einer Charta.

New Urbanism – ein Modell für NRW?
Um das Thema New Urbanism weiter zu erfassen, wurde eine weitere These aufgestellt: „New Urbanism ist ein Modell für Nordrhein- Westfalen“. Modell wird in diesem Zusammenhang als Grundgerüst, ohne thematische Inhalte definiert. Es sollte herausgefunden werden, welche Elemente oder Instrumente, abgesehen von den städtebaulichen Inhalten, der Bewegung New Urbanism interessant sind und ob diese auf Nordrhein- Westfalen übertragbar sind.
Zur Beantwortung dieser These wurde die aktuelle Situation im Bundesland auf stadtplanerischer und städtebaulicher Ebene skizziert, zudem wurden Experteninterviews durchgeführt. Neben der Auswertung von Daten und Fakten wurden vor allem die Hauptprobleme des Bundeslandes auf städtebaulicher Ebene umrissen. Hierzu gehören neben der Schrumpfung der Städte und dem demographischem Wandel auch die Problematik der Großwohnsiedlungen der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Zudem steigt in vielen Städten NRWs die Zahl der innerstädtischen Brachflächen durch eine verstärkte Suburbanisierung.
Eine genaue Analyse der Situation konnte die Projektgruppe aufgrund des begrenzten Zeitrahmens nicht vornehmen, sieht sie jedoch als notwendig an, da nur so genaue Problemfelder herausgearbeitet werden können. Auch eine Hierarchisierung der Probleme, um so einen Plan zu erstellen, der die Probleme behandelt, kann erst nach eingängiger Untersuchung der Situation erfolgen.
Festhalten konnte die Projektgruppe nach ihren bisherigen Erkenntnissen an dieser Stelle bereits, dass die schriftliche Zusammenfassung eines städtebaulichen Leitbildes, ähnlich der Charta des New Urbanism sinnvoll ist. Eine solche Zusammenfassung wurde in der Geschichte des Städtebaus, z.B. in der Charta von Athen, bereits durchgeführt. Auch im Bundesland NRW gab es ein spezifisches städtebauliches Leitbild für die Region Ruhrgebiet während der Internationalen Bauausstellung Emscherpark. Die Projektgruppe hält eine solche Festsetzung von städtebaulichen Grundsätzen für sinnvoll, da sie die Durchführung einzelner Projekte erleichtern kann. Zudem bietet dies die Möglichkeit, der Bevölkerung einen klaren Einblick in die städtebaulichen Ziele des Bundeslandes zu geben, so dass die Akzeptanz erhöht wird und das Verständnis erleichtert werden kann.
Die Charta wurde durch die Projektgruppe als erste Säule des Modells New Urbanism erkannt.
Die durchgeführten Interviews mit verschiedenen Experten im Bereich New Urbanism versetzten die Projektgruppe in die Lage, bislang ungeklärte Aspekte des New Urbanism genauer zu beleuchten und somit schneller und differenzierter zu begreifen. Dies wurde vor allem durch die unterschiedliche Einstellung der einzelnen Personen zur New Urbanism Bewegung unterstützt. Die Haupterkenntnis der Projektgruppe aus den Experteninterviews lag in einem tieferen Verstehen des Diskussionsforums. Es wurde erkannt, dass das Diskussionsforum des New Urbanism durch seine vielfältige Zusammensetzung ein Instrumentarium ist, das es erlaubt, sehr flexibel zu agieren. So können die einzelnen Akteure ihr Wissen in die Diskussion einflechten. Dies erleichtert sowohl das differenziertere Erkennen und Analysieren von Problemlagen, als auch das Entwickeln vielschichtigerer Lösungsansätze, als dies bei einem nur mit Planern und Architekten besetzten Forum möglich wäre. Die enorme Flexibilität des Diskussionsforums ermöglicht es ein solches an jedem Ort zu etablieren. Das Diskussionsforum kann als zweite Säule des New Urbanism angesehen werden.
Ebenfalls wurde die Projektgruppe in den Experteninterviews auf die Charrette als Planungsinstrumentarium des New Urbanism aufmerksam. Bei der Charrette handelt es sich um ein konsequent öffentliches Beteiligungsverfahren. Sie wird vor Ort mit allen Beteiligten, also sowohl Planern und Architekten als auch mit allen interessierten Experten und Laien durchgeführt. Hierbei werden die Vorschläge aller gleichberechtigt behandelt und diskutiert. So hat jeder die Möglichkeit sein Wissen und seine Erfahrungen in den Planungsprozess einzuflechten und diesen mit zu gestalten.
Im Laufe der Projektarbeit nahm die Projektgruppe an einer solchen Charrette teil. Durchgeführt wurde diese von der Stadt Gladbeck in Zusammenarbeit mit der Universität Dortmund. Das Verfahren wurde unabhängig von den Inhalten des amerikanischen New Urbanism durchgeführt. Interessant für die Forschungsfrage und auch für die aufgestellte These war diese Erprobung vor allem, da die Charrette in Nordrhein- Westfalen statt fand und sich mit einem für die Region Ruhrgebiet typischen städtebaulichem Problem auseinandersetzte. Es handelt sich um ein Hochhaus, mit angeschlossenem Geschäftszentrum. Das Hochhaus steht zu großen Teilen leer und weist sowohl soziale, als auch bauliche Mängel auf. Zudem symbolisiert es das negative Image des Stadtteils. Das auch baulich angeschlossene Geschäftszentrum funktioniert im Gegensatz hierzu jedoch gut. Gearbeitet wurde auf den drei Ebenen der Charta des New Urbanism, also auf Ebene der Region, des Stadtteils und des Objektes. Die rege Teilnahme, vor allem auf Seiten der Bürger, überzeugte die Projektgruppe von der Funktionalität des Planungsinstrumentariums Charrette, das auch losgelöst von anderen Bereichen des New Urbanism angewendet werden kann. Durch die starke Einbindung der Bürger in den Planungsprozess wird zum einen das Verständnis für Planungsvorgänge und Schwierigkeiten gestärkt, zum anderen entstehen Synergieeffekte durch lokales Wissen der Bürger um Probleme und Potentiale. Insgesamt hält die Projektgruppe die Charrette für die dritte Säule im Modell New Urbanism, wobei sie jedoch auch ein Baustein ist, der einzeln angewandt werden kann.

Zusammenfassung
Die These: „New Urbanism ist ein Modell für Nordrhein- Westfalen“ kann die Projektgruppe am Ende ihrer Arbeit bestätigen. Somit kann auch die Forschungsfrage positiv beantwortet werden. Das Modell New Urbanism mit seinen drei Pfeilern: Charta, Diskussionsforum und Charrette kann für Nordrhein- Westfalen zukünftig einen interessanten Aspekt darstellen und kann empfohlen werden.
Die Projektgruppe sieht im nächsten Schritt die Gründung eines Diskussionsforums, das zunächst die städtebaulichen Probleme des Bundeslandes analysiert. Anschließend sollte sich eine Diskussion über eine Charta entwickeln, die als Leitbild der Bewegung fungiert. Angeraten wird von der Projektgruppe, dass die Bewegung in Nordrhein- Westfalen nicht das Label New Urbanism übernimmt, sondern ein eigenes entwickelt. Dies hat vor allem den Grund, dass sich ein Label zur Bekanntmachung der Grundsätze der Bewegung und der Qualität für die sie stehen sollte besonders eignet. Hierbei sollte jedoch bedacht werden, dass nicht nur Vorteile bzw. positive Wirkungen von einem Label ausgehen, sondern auch negative, wie z. B. Exklusivität.
Die Übertragung des Modells New Urbanism unter einem neuen Namen für NRW kann also einen weiteren Schritt voraus im deutschen Städtebau darstellen, und bei der Bewältigung der vorherrschenden städtebaulichen Probleme helfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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