Die Allgemeine Städtebau-Ausstellung in Berlin 1910 – ein Jahrhundertereignis

Harald Bodenschatz, Harald Kegler

In: PlanerIn, 2-10, S. 5-7

Im Jahre 2010 jährt sich zum 100. Male die berühmte Städtebau-Ausstellung Berlin 1910, die als Jahrhundertereignis der Disziplin Städtebau gelten kann. Dieses Ereignis ist nicht nur ein Anlass zur Erinnerung an vergangene Zeiten, sondern kann auch heute noch der Diskussion über Städtebau wichtige Erfahrungen vermitteln.

Berlin: Zentrum des Städtebaus

Berlin wurde in der zweiten Hälfte der Kaiserzeit zu einem Zentrum der neuen Disziplin Städtebau. In der frisch gebackenen Reichshauptstadt wirkten einflussreiche Vertreter des Städtebaus, so Josef Stübben, der bedeutendste Autor zu städtebaulichen Fragen in dieser Zeit, Theodor Goecke, der zusammen mit Camillo Sitte die berühmte, erstmals 1904 erschienene Zeitschrift „Der Städtebau“ auf den Weg brachte, aber auch Otto March, Hermann Jansen und Gustav Langen sowie nicht zuletzt der streitbare Städtebau-Propagandist Werner Hegemann, der später mit seiner Polemik gegen das „Steinerne Berlin“ bekannt wurde. An der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin lehrte der vielleicht einflussreichste Wohnungs- und Städtebaureformer, Rudolf Eberstadt, Nationalökonomie. Im Februar 1908 begannen an der Technischen Hochschule zu Berlin die berühmten „Städtebaulichen Vorträge“, die von den beiden Professoren Joseph Brix und Felix Genzmer veranstaltet wurden. Felix Genzmer war 1903 an die Technische Hochschule berufen worden, Joseph Brix 1904. Der erste Vortragszyklus betrafen folgende Themen: „Aufgaben und Ziele des Städtebaus“, vorgetragen von Joseph Brix, und „Kunst im Städtebau“, vorgetragen von Felix Genzmer. Damit war der thematische Rahmen abgesteckt.

Die von Brix und Genzmer initiierten Vorträge fassten das damalige Wissen über den Städtebau zusammen und verdeutlichten, dass Städtebau weit mehr war als Form, dass aber die Form den Kern des Städtebaus bildete, und dass Städtebau ohne den Austausch internationaler Erfahrungen undenkbar war. Die zentrale Botschaft der Vorträge war: Städtebau ist eine Disziplin, die nicht nur durch Zeichnungen geprägt ist, sondern auch und noch mehr durch Worte. Städtebau ist also auch eine wissenschaftliche Disziplin. In dem Streit über den Charakter des Städtebaus – Kunst oder Wissenschaft – war die Haltung von Brix und Genzmer daher eindeutig: Städtebau ist Kunst, Wissenschaft und Ingenieurleistung zugleich und muss sich die Ergebnisse „einer fortgeschrittenen technischen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Wissenschaft“ aneignen. Selbstverständlich wurden auch das Verkehrswesen, das Verwaltungs- und Städtebaurecht berücksichtigt.

Die Allgemeine Städtebau-Ausstellung Berlin 1910

Die städtebaulichen Vorträge an der Technischen Hochschule zu Berlin dienten nicht zuletzt der Vorbereitung der internationalen Städtebau-Ausstellung, die im Jahre 1910 in Berlin stattfand. Diese Ausstellung war der erste große Auftritt der jungen Disziplin Städtebau in der Öffentlichkeit und die bis dahin weltweit bedeutendste Städtebau-Ausstellung. Sie wurde von etwa 65.000 Personen besucht und stieß auf ein breites öffentliches Interesse wie internationales Echo. Noch im gleichen Jahr war die Ausstellung in Düsseldorf zu sehen, und im Herbst 1910 wurden Teile der Ausstellung in London anlässlich der International Town Planning Conference präsentiert. Die von Werner Hegemann geschriebene Dokumentation der Ausstellung, die die internationale Dimension eindrucksvoll betonte, ist ein Meilenstein der Städtebaugeschichte.

Präsident der Städtebau-Ausstellung war der Oberbürgermeister von Berlin. Im Ausschuss zur Ausstellung wirkten so illustre Personen wie Ernst von Borsig und Werner von Siemens mit, aber auch die Oberbürgermeister von Charlottenburg, Rixdorf und Wilmersdorf sowie andere kommunale Vertreter. Ein Groß-Berlin, wie wir es heute kennen, gab es damals noch nicht, der Raum Berlin war in kommunaler Hinsicht zersplittert. Generalsekretär der Ausstellung war Werner Hegemann, der bedeutendste transatlantische Brückenbauer des Städtebaus. Standort der Ausstellung war die Hochschule der Künste, heute Universität der Künste, in Charlottenburg.

Die Ausstellung spiegelte die herausragende Bedeutung Berlins in der nationalen und internationalen Städtebaudebatte wider. Die Großstadt Berlin verglich sich damals selbstbewusst und mit großem Erfolg mit anderen Modellstädten des Städtebaus: in Deutschland vor allem mit München, Hamburg, Nürnberg, Köln und Stuttgart, in Europa insbesondere mit Wien, Stockholm, Paris und London, und in den USA mit Chicago und Boston.

Ein Blatt des berühmten Plans von Chicago, der im Jahre 1909 von Daniel Burnham und Edward Bennett vorgelegt und auch auf der Städtebau-Ausstellung 1910 gezeigt wurde

Mit der großen Ausstellung in Berlin hatte sich das Fachgebiet „Städtebau“ international durchgesetzt und etabliert. Die Ausstellung hat grundlegende städtebauliche Beiträge für die Ordnung der explodierenden Großstadt, der Stadtregion im industriellen Zeitalter, geliefert. Sie bot einen Überblick über den Städtebau in Europa und den USA und war immer wieder eine Herausforderung auch für folgende Ausstellungen – bis heute. Damit war sie ein Schlüsselereignis für die Städtebaudebatte im 20. Jahrhundert.

Der Wettbewerb Groß-Berlin 1908/10

Die Ausstellung fußte wesentlich auf dem 1908 ausgeschriebenen und 1910 entschiedenen Wettbewerb für Groß-Berlin, dem damals international bedeutendsten städtebaulichen Wettbewerb, an welchem namhafte Städtebauer vor allem aus Berlin teilgenommen hatten.

Angesichts des offensichtlich chaotischen städtebaulichen Wachstums im Großraum Berlin bildete sich 1907 mit Unterstützung des Architekten-Vereins zu Berlin ein Ausschuss unter Vorsitz von Otto March, der sich für die Vorbereitung eines Ideenwettbewerbs um einen neuen Plan für Groß-Berlin einsetzte. Der schließlich im Oktober 1908 ausgeschriebene Wettbewerb Groß-Berlin bot die Gelegenheit, grundsätzliche Positionen zur Gestaltung der Stadtregion zu präsentieren. Nach heftigem Streit innerhalb des 21-köpfigen Preisgerichts wurde am 19. März 1910 kein erster Preis verliehen. Zwei erstrangige Preise erhielten zum einen Hermann Jansen und zum anderen die beiden Hochschullehrer der TH zu Berlin, Josef Brix und Felix Genzmer, zusammen mit der Hochbahngesellschaft.

Die Ergebnisse des Wettbewerbs umfassten Vorschläge für die drei großen Teilräume der Stadtregion:
• für eine weitere Umgestaltung des Zentrums in Richtung Monumentalstadt,
• für urbane Alternativen zur bisherigen Miethausbebauung sowie
• für neue Gartenstädte und Kleinsiedlungen im suburbanen Raum.

Strukturiert werden sollten diese drei Teilräume der Stadtregion durch einen Um- und Ausbau des Fernbahn- und Schnellbahnsystems. Eine erneuerte Verkehrsinfrastruktur, aber auch die großen, radialen Ausfallstraßen sowie grüne Freiflächenkeile dienten der Ordnung der ständig wachsenden Stadtregion. Die so realisierte stadtregionale Perspektive war von außerordentlicher Bedeutung und Wirkung, sie schloss eine isolierte kleinräumige Betrachtung von vorneherein aus.

Der Schwerpunkt des Wettbewerbs lag eindeutig auf der monumentalen Umgestaltung des Zentrums. Der Architekt Bruno Schmitz hat seine für heutige Augen manchmal befremdlichen Visionen eindringlich ins Bild gesetzt. Es ist aber wichtig zu wissen, dass die neuen Großbauten nicht die imperiale Größe des Staates zum Ausdruck bringen sollten, sondern die Größe der Kommune. Solche „monumentalen Anlagen“, so meinte schon damals (1911) Theodor Goecke, sollten „den Fremdenstrom anziehen und Berlin als geistigen Mittelpunkt in erster Linie seiner Vororte, weiterhin ganz Deutschlands, würdig“ herausheben.

Bruno Schmitz: neues Monumentalviertel am projektierten Nordzentralbahnhof, in etwa dort, wo sich heute der Hauptbahnhof erhebt

In der Innenstadt wurde nach urbanen Alternativen zu den äußerst dicht bebauten Miethausblöcken mit ihren Hinterhöfen gesucht. Vorgeschlagen wurde u.a. eine Blockrandbebauung ohne Hinterhöfe, aber auch eine sog. gemischte Bauweise, d.h. eine Mischung von mehrgeschossigen Miethäusern im Außenbereich und niedriggeschossigen Reihenhäusern im Innenbereich.

Hermann Jansen: Vorschlag für ein neues urbanes Stadtviertel ohne klassische Hinterhöfe auf dem Tempelhofer Feld

Im suburbanen Raum sollten durchgrünte, niedrig geschossige Wohnanlagen realisiert werden. Von großer Bedeutung war die Idee der Gartenvorstadt. Viele Reformer orientierten darüber hinaus explizit auf sog. Kleinsiedlungen mit kleinen Parzellen und kleinen Häuschen, die auch weniger begüterten Mittelschichten ein Leben im Grünen ermöglichen sollten.

Die Ergebnisse des Wettbewerbs waren aber keinesfalls ein Plädoyer gegen die Großstadt und für deren Auflösung, sondern sie orientierten auf deren Verbesserung und Rationalisierung, auf eine gestufte Großstadt mit reformierten urbanen Baublöcken in der Innenstadt und mit Garten-Vororten um kleine Zentren im suburbanen Raum. Angesichts der Konkurrenzverhältnisse des privaten Städtebaus war an eine Umsetzung der meisten Vorschläge allerdings nicht zu denken. Denn eine politische Voraussetzung der Umsetzung solcher Visionen wäre der Zusammenschluss aller beteiligten Gemeinden gewesen. Auf Groß-Berlin mussten die Hauptstadtbewohner allerdings noch etwas warten – bis 1920.

Das Ringen zwischen dem angelsächsischen und dem französischen Weg im Städtebau

Bis zum Ersten Weltkrieg – und auch auf der Städtebau-Ausstellung – konkurrierten hinsichtlich der städtebaulichen Entwicklung Paris und London als Vorbilder: Paris – in Grenzen auch Wien – galten als Vorbild für dichten, urbanen Städtebau, London als Vorbild für suburbanen Städtebau. Für die Mehrheit der Boden-, Wohnungs- und Städtebaureformer war London, „die offene, räumlich unbeschränkte Großstadt“, eher der Himmel und Paris, die „vielgeschossige Häusermasse“, eher die Hölle. Noch aber war der Kampf nicht entschieden.

Den meisten Wohnungs- und Städtebaureformern ging es damals schon längst nicht mehr nur um die Besserung der Lebensverhältnisse der Arbeiter, sondern um eine fundamentale, großstadtkritische Neuorientierung des Lebens in der Stadtregion. Attackiert wurde jegliche Form kompakten, urbanen Wohnens, um das Ziel eines verallgemeinerten suburbanen Wohnens durchzusetzen. Die Kleinsiedlung, die einfache Schwester der bürgerlichen Garten-Vorstadt, war für viele Reformer die letztlich einzige akzeptierbare Alternative zur „Mietkasernenstadt“. Die erstrebenswerte Stadt erschien in dieser Optik in Kleinsiedlungen, bürgerliche Garten-Vororte und Landhausquartiere aufgelöst, die sich locker um eine kompakte City gruppierten und, im Zuge des Ausbaus der Verkehrsmittel, immer tiefer in die Region wachsen sollten – ganz nach anglo-amerikanischem Vorbild.

Bis zum Ersten Weltkrieg war das große Projekt der Dezentralisierung der Großstadt noch ein oppositionelles Programm. Das änderte sich erst nach dem Ersten Weltkrieg grundlegend: Nun wurde es ein staatliches Aktionsprogramm, ein Programm der Kampfansage an die kompakte, urbane Stadt. Die damals begründete Vorstellung von Reform und Fortschritt im Städtebau prägte die deutsche fachliche und politische Programmatik für lange Zeit – zum Teil bis heute. Der fruchtbare Wettbewerb zwischen einem reformierten urbanen Städtebau einerseits und einem auf Garten-Vororte orientierten suburbanen Städtebau andererseits wurde nach 1918 zum großen Teil zugunsten einer einseitigen Ausrichtung auf die Dezentralisierung der Großstadt aufgegeben.

STADTVISIONEN 1910I2010: 100 Jahre Wettbewerb Groß-Berlin, 100 Jahre Städtebau-Ausstellung Berlin

Das 100. Jubiläum der Berliner Ausstellung ist ein außerordentliches Ereignis und Anlass, das Thema Städtebau zu überdenken. Dies ist aber keineswegs der Startschuss einer Renaissance des Städtebaus – andere Städte feierten schon 2009, so etwa München den 100. Jahrestag der Einrichtung des Städtebaulehrstuhls an der TU München mit der Ausstellung „Multiple City“, Chicago feierte das ganze Jahr 2009 den 100. Jahrestag des großen städtebaulichen Plans für Chicago von Daniel Burnham und Edward Peets. Doch es war Berlin, das mit dem 1910 entschiedenen Wettbewerb Groß-Berlin und der Städtebau-Ausstellung ebenfalls 1910 dem Städtebau als Disziplin international zum Durchbruch verhalf. Diesem bemerkenswerten Auftritt vor 100 Jahren wird heute der Stand aktueller Planung und Städtebaupraxis in einer Ausstellung gegenüber gestellt.

Das Architekturmuseum und das Schinkel-Zentrum der TU Berlin bereiten diese Ausstellung STADTVISIONEN 1910|2010 vor, das Berlin im Kontext weiterer Großstädte als internationales Kompetenzzentrum für Städtebau gestern (1910) und heute (2010) zeigt. Neben den großen Plänen von 1910 werden die aktuellen und künftigen Projekte des Berliner Städtebaus präsentiert – zusammen mit den Ideen weiterer herausragender Metropolen, die 1910 wie heute im Städtebau Aufmerksamkeit erzeugten: Paris, London und Chicago. London war 1910 ein Mekka der Gartenstadtbewegung. Ziel war eine geordnete Dezentralisierung der Großstadt. 2010 zeigt sich London ganz anders – als Modell der Rezentralisierung, der erfolgreichen Renaissance des Zentrums. 1910 wurde Paris durch die großen Pläne und Visionen von Eugène Hénard geprägt. „Grand Paris“ setzt heute vor dem Hintergrund einer Initiative des Staatspräsidenten Sarkozy Zeichen für eine neue nationale Stadtentwicklungspolitik. In Chicago wurde 1909 der weltberühmte Plan von Daniel Burnham zum Umbau der chaotisch gewachsenen Großstadt vorgelegt. Auftraggeber war damals der Commercial Club of Chicago. Dieser berühmte Plan fand auch in der Berliner Städtebau-Ausstellung 1910 große Aufmerksamkeit. Mit Chicago Metropolis 2020 liegt ein neuer strategischer Plan des Commercial Club zur nachhaltigen Entwicklung der Stadtregion vor. 2009 präsentierte sich Chicago zudem anlässlich des 100. Jahrestages des Burnham-Plans der Öffentlichkeit mit Ausstellungen, Konzerten und Vorträgen.

Die vier Großstädte verkörpern eine transatlantische Perspektive, die 1910 von zentraler Bedeutung war und heute durch die jüngsten Veränderungen in den USA wieder an Gewicht gewinnt. Die Entwicklung der Großstädte in Europa und den USA ist angesichts der dort verbrauchten Ressourcen, aber auch wegen der dort entwickelten zukunftsorientierten städtebaulichen Konzepte von weltweiter Bedeutung.

Die Ausstellung STADTVISIONEN 1910|2010 wird mit Bundesmitteln des Nationalen Strategieplans für eine integrierte Stadtentwicklungspolitik (Nationale Stadtentwicklungspolitik) durch das Bundesinstitut für Bau- Stadt- und Raumforschung (BBSR) gefördert. Sie wird im Architekturforum der TU Berlin am Ernst-Reuter-Platz vom 7. Oktober bis 3. Dezember 2010 präsentiert werden.



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