In einer kritischen Passage seines Festvortrages am Abend des ersten Tages der C.E.U.-Konferenz in Görlitz hat Tom Sieverts der Gründungs-Charta vorgehalten, dass sie nicht die Brisanz, Dynamik, visionäre Stärke u.ä. besitze, die beispielsweise das Kommunistische Manifest ausgezeichnet hat.

Kassel-Unterstadt,
Foto: Friedhelm Fischer
Die C.E.U.-Charta will m.E. in der Tat etwas anderes: es geht darin um
den Anspruch, sich gegenseitig über Grundaussagen zu Stadtplanung und
Städtebau zu verständigen, die als neue Selbstverständlichkeiten des
Urbanismus gelten können; es geht um die Würdigung der (erprobten!)
strukturellen Qualitäten des immer schon Vorhandenen (der Stadt wie
der Region) und insofern um spezifische, differenzierte, europäische
Traditionen des Stadt-(um)baus, um das kritische Aufbewahren des
kulturellen Erbes von lebenswerter Stadt- und Landschaftsausprägung.
Aus dieser Sicht ist der C.E.U. der Versuch einer Antwort auf die
Defizite und unwirtlichen Projekte der Nachkriegsmoderne; er ist ein
konservativ-skeptisches Reformprojekt zur Städtebaudiskussion und –praxis
der Gegenwart. Konservativ ist nicht mit historistisch oder reaktionär
zu verwechseln und skeptisch bedeutet nicht resignativ.
Ein skeptischer Blick nach vorn in die Zukunft und ein kritisches Auge
auf Trendprognosen oder euphorische Zukunftsvisionen sind verständlich
in Anbetracht der immensen Kollateralschäden, die Prophezeiungen und
Manifeste von mitreißender Dynamik unbeabsichtigt schon angerichtet
haben. (Der Mensch in seinem Wahn!)
Interessanterweise war das Zukunftsbild z.B. des antiken Griechenlands
dem unseren diametral entgegengesetzt. Für die Griechen liegt im
Blickfeld vor ihnen nicht die Zukunft sondern die Vergangenheit. Der
antike Seher (in die Zukunft) ist blind, weil es da nichts zu erspähen
gibt. Die Zukunft nähert sich den Menschen heimtückisch und
unvorhersehbar, plötzlich und von hinten; sie greift hinterrücks in
unser Leben ein. Die Vergangenheit hingegen liegt vor uns im Blickfeld
und man kann über tatsächliche Ereignisse mit einiger Sicherheit
Erkenntnisse gewinnen und Rückschlüsse ziehen; sie breitet sich vor
dem in ihr lesenden Auge in einem langen, weiten Fluss bis ins
mythische Dunkel des vorhistorischen Horizonts aus.
Die Reformbewegung des europäischen Urbanismus stützt sich aber nicht
nur auf den historischen Fundus bewährter Strukturmuster, sondern
insbesondere auf aktuelle Ergebnisse des praktischen Stadtumbaus: der
„kritischen Rekonstruktion“ bei baulichen Implantaten als Ergänzung im
Bestand und auf die Erfahrungen der „behutsamen Stadterneuerung“ als
Planen mit dem Bestehenden und dessen Modernisierung.
Es geht dem C.E.U. also um Anpassung und Umbau, nicht um Abriß und
Vernichtung; um reformatorische einzelne kleine Schritte statt des
revolutionären „letzten Gefechts“ oder Geniestreichs. Und deshalb ist
die Charta in ihren Forderungen und Formulierungen auch
vergleichsweise bescheiden und kein neues kommunistisches Manifest.
Nachsatz:
Vielleicht überwindet der diskursive Geist der Charta kategoriale
Grenzen und sprengt rhetorische Gegensätze auf mit der Einsicht, daß
Alt (z.B.die europäische Stadt) und Neu (z.B.die Zwischenstadt) sich
komplementär und nicht antagonistisch zueinander verhalten, d.h. das
eine ohne das andere vermutlich nicht zukunftsfähig sein kann.
Aufgestellt: Berlin am 15.10.04
(nach einem Redebeitrag in Zgorzelec am 03.09.04)
Johannes Fehse