COUNCIL FOR EUROPEAN URBANISM - C.E.U. DEUTSCHLAND

Gründungskonferenz in Görlitz und Zgorzelec, 2. bis 4. September 2004

Anmerkungen zum Charakter der Charta

In einer kritischen Passage seines Festvortrages am Abend des ersten Tages der C.E.U.-Konferenz in Görlitz hat Tom Sieverts der Gründungs-Charta vorgehalten, dass sie nicht die Brisanz, Dynamik, visionäre Stärke u.ä. besitze, die beispielsweise das Kommunistische Manifest ausgezeichnet hat.


Kassel-Unterstadt, Foto:  Friedhelm Fischer

Die C.E.U.-Charta will m.E. in der Tat etwas anderes: es geht darin um den Anspruch, sich gegenseitig über Grundaussagen zu Stadtplanung und Städtebau zu verständigen, die als neue Selbstverständlichkeiten des Urbanismus gelten können; es geht um die Würdigung der (erprobten!) strukturellen Qualitäten des immer schon Vorhandenen (der Stadt wie der Region) und insofern um spezifische, differenzierte, europäische Traditionen des Stadt-(um)baus, um das kritische Aufbewahren des kulturellen Erbes von lebenswerter Stadt- und Landschaftsausprägung.

Aus dieser Sicht ist der C.E.U. der Versuch einer Antwort auf die Defizite und unwirtlichen Projekte der Nachkriegsmoderne; er ist ein konservativ-skeptisches Reformprojekt zur Städtebaudiskussion und –praxis der Gegenwart. Konservativ ist nicht mit historistisch oder reaktionär zu verwechseln und skeptisch bedeutet nicht resignativ.

Ein skeptischer Blick nach vorn in die Zukunft und ein kritisches Auge auf Trendprognosen oder euphorische Zukunftsvisionen sind verständlich in Anbetracht der immensen Kollateralschäden, die Prophezeiungen und Manifeste von mitreißender Dynamik unbeabsichtigt schon angerichtet haben. (Der Mensch in seinem Wahn!)

Interessanterweise war das Zukunftsbild z.B. des antiken Griechenlands dem unseren diametral entgegengesetzt. Für die Griechen liegt im Blickfeld vor ihnen nicht die Zukunft sondern die Vergangenheit. Der antike Seher (in die Zukunft) ist blind, weil es da nichts zu erspähen gibt. Die Zukunft nähert sich den Menschen heimtückisch und unvorhersehbar, plötzlich und von hinten; sie greift hinterrücks in unser Leben ein. Die Vergangenheit hingegen liegt vor uns im Blickfeld und man kann über tatsächliche Ereignisse mit einiger Sicherheit Erkenntnisse gewinnen und Rückschlüsse ziehen; sie breitet sich vor dem in ihr lesenden Auge in einem langen, weiten Fluss bis ins mythische Dunkel des vorhistorischen Horizonts aus.

Die Reformbewegung des europäischen Urbanismus stützt sich aber nicht nur auf den historischen Fundus bewährter Strukturmuster, sondern insbesondere auf aktuelle Ergebnisse des praktischen Stadtumbaus: der „kritischen Rekonstruktion“ bei baulichen Implantaten als Ergänzung im Bestand und auf die Erfahrungen der „behutsamen Stadterneuerung“ als Planen mit dem Bestehenden und dessen Modernisierung.

Es geht dem C.E.U. also um Anpassung und Umbau, nicht um Abriß und Vernichtung; um reformatorische einzelne kleine Schritte statt des revolutionären „letzten Gefechts“ oder Geniestreichs. Und deshalb ist die Charta in ihren Forderungen und Formulierungen auch vergleichsweise bescheiden und kein neues kommunistisches Manifest.

Nachsatz:
Vielleicht überwindet der diskursive Geist der Charta kategoriale Grenzen und sprengt rhetorische Gegensätze auf mit der Einsicht, daß Alt (z.B.die europäische Stadt) und Neu (z.B.die Zwischenstadt) sich komplementär und nicht antagonistisch zueinander verhalten, d.h. das eine ohne das andere vermutlich nicht zukunftsfähig sein kann.

Aufgestellt: Berlin am 15.10.04
(nach einem Redebeitrag in Zgorzelec am 03.09.04)

Johannes Fehse
 


Partner:

c.e.u. Deutschland

Labor für Regional-
planung

 iXwin Internetservice


Nachrichten
Städtebau-
aktuell
Best-Practice
Projekte
Essays/
Kommentare
Publikationen
Diplom-/
Masterarbeiten
Ausschreibungen
Jobs/Praktikum
c.e.u.-
Deutschland
c.e.u.-
Europe
[statt]portrait
Sponsoren/
Partner
Archiv
gefördert durch: c.e.u. / Labor für Regionalplanung / iXwin
Ausgabe: II/VI