Eröffnungsansprache der c.e.u.
– Tagung in Görlitz / Zgorzelec
am 2. und 3.09.2004

Dipl.-Ing. Ulla Luther, Am Karlsbad 15, 10785 Berlin, Tel.: 030 / 254 64 179

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Holthaus,
sehr geehrter Herr Tenske,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freunde und Freundinnen der c.e.u. Deutschland

Wir – der Gründerkreis der c.e.u. Deutschland – freuen uns sehr, dass unsere Tagung eine derartig große Resonanz gefunden hat. Ihr Erscheinen hier im Grenzbereich von Deutschland und Polen im äußersten Osten unserer Republik ist Beweis und Ansporn zugleich, dass das Programm der c.e.u. zum einen auf Interesse stößt und Sie alle bereit waren, weite Wege in Kauf zu nehmen, und dass es sich zum anderen gelohnt hat, dafür gearbeitet zu haben und weiter zu arbeiten.

Zunächst möchte ich Herrn Bürgermeister Steffen Holthaus aus Görlitz für seine Gastfreundschaft danken. In bemerkenswerter Offenheit und in uns auch nicht immer vertrautem unbürokratischem Umgang wurde die Realisierung unserer Tagung in dieser Grenzregion sehr schnell möglich.
Herzlichen Dank dafür!

Was erwartet uns nun in den nächsten zwei Tagen?

Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Grundzüge von c.e.u. Deutschland bekannt sind:
Eine Bewegung, die vor mehr als 10 Jahren in den USA entstanden ist,
eine Bewegung, die sich „New Urbanism“ nannte und sich mit einer Charta auf wenige Prinzipien des Städtebaues verpflichtete.
New Urbanism fand sehr schnell in Europa und dann auch in Deutschland Anhänger, so dass sich 2003 der „Council for European Urbanism“ gründete, der heute und morgen mit dieser Tagung seine Verfestigung in Deutschland finden soll.
Berliner und Berlinerinnen wird die Geschwindigkeit der um sich greifenden Bewegung nicht so sehr erstaunen. Professor Josef Paul Kleihues - der uns leider viel zu früh verlassen hat –hat mit der „kritischen Rekonstruktion“ und dem „poetischen Realismus“ bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in Berlin - und Hans Stimmann als Senatsbaudirektor in Fortsetzung bis heute - hat ebenfalls mit diesem theoretischen Ansatz die planerischen Grundzüge für die Neubebauung Berlins entwickelt und umgesetzt. Grundlage dieses theoretischen Ansatzes bildete die Typologie und Struktur des europäischen Städtebaues, die sich in der Charta der c.e.u. wiederfindet. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die aus den USA stammende Bewegung des „New Urbanism“ sehr schnell in „Old Europe“ Fuß fasste, ging sie doch gewissermaßen „back to the roots“.

Die Charta des council for european urbanism c.e.u. Deutschland greift allerdings weiter, sie möchte neue Impulse für den Stadtumbau in Deutschland geben,und sie möchte darüber hinaus zu einer grundlegenden Reform des Städtebaues anstoßen.
Die sich in Auflösung befindende Industriegesellschaft führt zwangsläufig zu neuen Rahmenbedingungen, es verändert sich unter anderem damit auch die Planungskultur, die Rolle öffentlicher und privater Akteure, die Finanzierungsmodelle und die Nutzungsarten untereinander und zueinander im städtischen Kontext.
Sofern sie sich die Charta der c.e.u. Deutschland durchgelesen haben, werden Sie erstaunt sein, wie selbstverständlich,ja fast banal die einzelnen Positionen klingen,und Sie werden sich gefragt haben,.ob wir, die Fachleute, diese Inhalte nicht immer schon vertreten haben?
Und doch – schauen wir auf die letzten hundert Jahre Städtebau, auf das 20. Jahrhundert, so hat uns die sogenannte Moderne,die sicherlich auch für sich in Anspruch nehmen wird ,diesen Grundsätzen zu entsprechen, nicht die Entwicklung in Stadt und Land gebracht, die wir unverändert weiterführen wollen.
Die Ergebnisse von 100 Jahren städtebaulicher Planung und Realisierung liegen vor, und das Urteil der Bewohner, Politiker und von Fachleuten ist deprimierend.

Der Spiegel titelte dazu im Heft 13/2000 durch Susanne Beyer treffend: „Sehnsucht nach Säulen! Historische Neubauten werden immer beliebter. Doch Fachleute spotten über die röhrenden Hirsche aus Stein, an der Uni kommt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu kurz. So entstehen allerorten verspielte halbherzige traditionelle Hotels und Villen, die nur eines verbindet: Sie wenden sich ab von der Bauhaus-Kiste und sie sind gut verkäuflich.“

Wir müssen uns der Diskussion stellen, intern und extern offen und ohne Vorbehalte und hier und heute wollen wir beginnen. Die Charta Deutschland ist ein erster Ansatz und offen für Ergänzungen und Konkretisierungen. Mit dieser Konferenz wollen wir nicht unreflektiert dieser populistischen Bewegung folgen. Wir wollen heute und morgen in den beiden Städten an der deutsch-polnischen Grenze anhand von konkreten Projekten (geplanten und gebauten) Grundsatzfragen des Städtebaus und Stadtumbaues zur Diskussion stellen, um Wege in eine neue Städtebaudebatte zu finden, die sich an Fachleute und Öffentlichkeit wendet, und die niemanden ausgrenzt, der sich an der Diskussion beteiligen möchte.
In den nächsten beiden Tagen werden eine Vielzahl von Projekten vorgestellt. Sie alle sollen zeigen, welche Chancen sich bieten, wenn Projektentwickler, Kollegen und Kolleginnen verschiedener Disziplinen, Kommunalpolitiker, Bauherren und Bauherrinnen sowie Verbände und Hochschulen – also alle,

die am Planen und Bauen beteiligt sind, miteinander offen umgehen.
Mit dieser Art des offenen und öffentlichen Dialogs ist die Hoffnung verbunden, Bevölkerung für die Gestaltung ihrer Städte wieder mehr zu interessieren und am allgemeinen städtischen Leben letztlich wieder mehr teil zu nehmen, Gebäude in ihrer Ästhetik benutzer- und bewohnerorientierter zu entwickeln, und dem Bedürfnis nach Identität wieder mehr zu entsprechen.

Am ersten Tag liegt die Projektvorstellung schwerpunktmäßig im städtischen Kontext mit Beispielen des innerstädtischen Umbaus sowie der Vorstellung einer speziellen Verfahrensweise – dem Charett-Verfahren. Am späten Nachmittag erfolgt dann die Gründung von c.e.u. Deutschland, die wir mit einem festlichen Empfang im Rathaus Görlitz feierlich begehen wollen.
Morgen dann begeben wir uns mit der Vorstellung von Beispielen in die Region, um zu verdeutlichen, dass c.e.u. Deutschland nicht ausschließlich eine auf Städte begrenzte Bewegung ist, sondern dass es sich um den Ansatz einer grundlegenden Reform des Städtebaues auf allen Ebenen handelt, vom Quartier bis zur Region.
Anschließend findet dann eine offene Diskussion über die Erwartungen an c.e.u. Deutschland aus der Sicht unterschiedlicher Fachverbände statt und zum Schluß der Tagung erfolgt der Ausblick auf den Fortgang.

Am Samstag besteht für alle Teilnehmer die Möglichkeit, sich von der Richtigkeit der Wahl des Ortes zu überzeugen. Die Region und die beiden Städte Görlitz und Zgorzelec bieten all die Potentiale, die c.e.u. Deutschland anstrebt.
Ausschlaggebend für die Wahl der beiden Tagungsorte,war die Erkenntnis,dass die wesentlichen Prinzipien des traditionellen europäischen Städtebaues hier in konzentrierter und beeindruckende Form existieren und wieder Berücksichtigung finden.“ Europäische Stadt“ ist kein akademischer Begriff, keine leere Worthülse, heute und morgen können sie sich davon überzeugen. Die europäische Stadt wird hier als gemeinsames Erbe angenommen, das es zu schützen gilt und das als grenzüberscheitendes städtebauliches Leitbild immer wieder erneuert, verteidigt und ausdifferenziert werden muß.
Aber nun zum heutigen Vormittag.
Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Steffen Holthaus, dem Baudezernenten von Görlitz (Sicherheit, Ordnung und Bau) – dem nochmals für seine Gastfreundschaft gedankt sei – führen unsere maßgeblichen „Gründerväter“
Prof. Harald Bodenschatz, Professor für Planungs- und Architektur-Soziologie an der TU in Berlin, studierter Soziologe und eingeschriebener Stadtplaner
sowie Dr. Harald Kegler, Stadtplaner aus Dessau
in die Geschichte der c.e.u. und die programmatische Orientierung ein.

Ich wünsche Ihnen und uns interessante Tage mit vielen neuen Erkennt-nissen, verbunden mit der Hoffnung, dass sich die c.e.u.-Bewegung in Deutschland mit dieser Tagung vermehrt und in die Region Görlitz wie aber auch in ganz Deutschland vordringt.
Viel Spaß!
 

Partner:

c.e.u. Deutschland

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