Sehr geehrte „Die neue Stadt“ - Leserschaft!
„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“ in der geschichtsträchtigen Stadt Worms!
Nach langem „Dornröschenschlaf“ befindet sich Worms nun schon seit einiger Zeit
in einer immensen Stadtumbauphase.
Sehr interessiert verfolgte ich die Pressemitteilung, dass sich Fachleute aus
Stadt- und Regionalplanung, Landschaftsarchitektur, Architektur und Soziologie
zu einer Fachtagung über Stadt- und Regionalentwicklung in meiner Heimatstadt
zusammen finden möchten!
Als Raum- und Umweltplaner nahm ich dies sofort zum Anlass, mich ausreichend im
Internet auf der entsprechenden Homepage über das C.E.U.D. zu informieren und
mir eine Reservierung der Teilnahme zu sichern. Noch unwissend davon, dass sich
das Council for European Urbanism als deutscher Teil eines europaweiten
Netzwerkes versteht, welches sich für die nachhaltige Entwicklung und Erhaltung
unserer Städte und Regionen einsetzt, wurde mir schnell bewusst, warum man sich
für Worms entschieden hatte. Da die historische Stadt am Rhein (Nibelungen-,
Luther- und Freie Reichsstadt) innerhalb des letzten Jahrhunderts als Bindeglied
zwischen den Großregionen Rhein – Main und Rhein – Neckar eine schwierige Rolle
innehatte und derzeit auch einige städtebauliche Fehlentwicklungen zu bewältigen
hat, kam dieses Event, aus meiner fachlichen Sichtweise, wie gerufen. Leider war
die Resonanz von Seiten ortsansässiger Architekten und Planer eher ernüchternd.
Interessiert und motiviert folgte ich den zahlreichen fachlich untermauerten
Vorträgen am 08.04.2005 im Prinz-Carl-Hotel zu Worms und brachte mich auch aktiv
in die Diskussion ein.
Den Anfang machte, nach kurzem Kennen lernen, einer der beiden Tagungsleiter,
Prof. Wolfgang Christ von der Bauhaus Uni Weimar. Danach sprach Dr. Harald
Kegler vom Labor für Regionalplanung im Ferropolis bei Dessau. Die beiden, die,
neben weiteren, als Hauptinitiatoren des C.E.U.D. gelten, hatten somit durch
ihre Begrüßung die Tagung eröffnet. Danach sprach Bürgermeister Büttler aus
Worms in Vertretung für den terminlich leider verhinderten OB Kissel einige
Worte über die Wormser Geschichte, offensichtlich schon in Vorahnung darauf,
dass
Dr. Bönnen, ein Vertreter des Stadtarchivs seinen angekündigten Vortrag über das
bereits erwähnte schließendlich aus bisher ungeklärten Gründen nicht halten
konnte. Nach den drei Kurzvorträgen musste sich das Gremium, aufgrund der schon
vorangeschrittenen Zeit in zwei kleinere Gruppen aufteilen, die sich, geführt
von zwei Stadtführerinnen auf den Weg durch das geschichtliche und auch „neuere“
Worms machten……
Nachdem sich die Gruppen, geprägt durch zahlreiche interessante Eindrücke der
Stadt wieder im Hotel eingefunden hatten, konnte es dann nach einer ausgedehnten
Kaffeepause auch sofort weitergehen mit dem nächsten Vortragsblock.
Zunächst sprach Jürgen Schultheis von der Frankfurter Rundschau über die
Probleme und Chancen der verschiedenen Regionalmodelle Rhein – Main.
Dr. Schubert, Projektleiter der Initiative „Zukunft Rhein – Neckar – Dreieck“
von der BASF bekam danach die Möglichkeit über seine innovative – („was sich
auch noch im Zuge der am nächsten Tag geplanten Exkursion und der Begutachtung
zahlreicher Projekte herausstellte“) – Beschäftigung für Arbeit und „Urban
Plus“, einer von ihm gegründeten Allianz für Wohnen, Umwelt und Beschäftigung im
Rhein-Neckar - Dreieck zu referieren.
Im Zuge der darauf aufbauenden Diskussion konnte sich nun auch jeder
Teilnehmer aktiv mit einbringen und seine Anliegen und Anregungen zu dem bereits
Gehörten beisteuern.
Dabei kam man zu einigen interessanten Ergebnissen, wie dem Fehlen eines
„Leitbildes“ für die Region Rhein – Neckar. Auch seien die Chancen und Problem
beider Regionen nicht zu vergleichen, da es z.B. innerhalb der polyzentrischen
Struktur des Rhein – Maingebietes nicht zuletzt auch aufgrund großer
„Diskrepanzen“ (z.B. zwischen Frankfurt und Offenbach oder Mainz und Wiesbaden)
zu einigen „Einigungsproblemen“ kommt und es dort eine Vielzahl von
Vereinigungen für Regionalentwicklung gibt, die nicht wirklich „an einem Strang
ziehen“. Der Versuch eines gemeinsamen Regionalparks Rhein – Main sei aber
sicherlich ein erster „Gehversuch“ in die richtige Richtung! „Miteinander, statt
gegeneinander“ sei die Leitthese, die man überall verfolgen solle! Die Beispiele
der „Initiative Zukunft Rhein – Neckar – Dreieck“ gingen da schon eher in eine
gemeinsame Richtung, wie es aus dem Vortrag von Herrn Dr. Schubert herauszuhören
war, sicherlich nicht zuletzt aufgrund des starken Einflusses der BASF, die in
diesem Prozess die Hauptrolle spielt. In Übereinstimmung aller Beteiligten kam
man abschließend zu dem Ergebnis, dass es kein einheitliches Patentrezept für
alle deutschen Stadtregionen gibt, jedoch das Streben nach Zusammenschluss zu
Metropolregionen ein wichtiger Punkt sei, um im gesamteuropäischen Kontext auf
Dauer bestehen zu können.
Das abschließende Abendessen umrahmt von rheinhessischen und Pfälzer Weinen muss
sicher ein kulinarischer Genuss gewesen sein, wie mir am nächsten Morgen
berichtet wurde….“dies kann ich wohl nachvollziehen!“
Obwohl das Wetter eher regionsuntypisch war (..„wir sind doch etwas
sonnenverwöhnter zu dieser Jahreszeit..!“) war um 8.30 h Abfahrt zur
Busexkursion zum Thema: „Wohnquartier & Metropole“:
Die erste Station bei noch extrem garstigem Wetter war die Kiautschau – Siedlung
in Worms,
einer Arbeiterwohnsiedlung mit Fachwerkhäusern aus den 20er Jahren.
Wie uns Stadtplaner Frohnhäuser vom Stadtplanungsamt erklärte, war die Siedlung
in Ahnlehnung an eine chinesische Kolonie erbaut worden, deshalb der etwas
ungewöhnliche Name.
Nach circa halbstündiger Fahrt durch die Region kamen wir am Umweltbahnhof in
Grünstadt, unserem zweiten Halt an, wo uns eine Planerin des Büros WSW
Kaiserlautern das Projekt erläuterte, für das Prof. Christ 1995 die Studien und
Vorplanungen getätigt hatte.
(Bild 1): Der „Umweltbahnhof“ in Grünstadt
Auf unserer weiteren Fahrt durch die Lande konnten wir an einigen Stellen
erfahren, was die „Zwischenstadt“ ausmacht, den besonders deutlich war die
Entwicklung zur A6 hin am Beispiel Grünstadt zu erkennen.
In Ludwigshafen angekommen, wurden wir zunächst im Stadtteil Pfingstweide, einer
Speer – Siedlung der 70 - er Jahre von Dr. Schubert und einem Vertreter des
Wohnungsbauunternehmens GAG der Stadt Ludwigshafen empfangen, die uns von nun an
begleiteten.
Im Verlaufe der Führung konnte man sich ein fachliches Bild machen über die
städtebauliche und stadtplanerische Entwicklung der Stadt und unter dem
regionalen Einfluss eines „Global Players, wie der BASF“. Die Auswirkungen auf
die gesamte Region sind somit auch symptomatisch, wenn man bedenkt, dass die
BASF zur Zeit ca. 40.000 Arbeitsplätze bereitstellt. Für Worms z.B. bedeutet sie
der größte Arbeitgeber in der Region, was schon immens ist...
Betrachtet man in
dieser Hinsicht die städtebauliche Entwicklung der Stadt Ludwigshafen, so ist
festzustellen, dass der Großkonzern, aber auch die Stadt Ludwigshafen viele
Liegenschaften und Wohnraum besitzt. Durch die Vertreter der beiden großen
Wohnungsunternehmen, nämlich der LUWOGE und der GAG wurden uns nun mehrere
Projekte vorgestellt, wie das „Brunckviertel“, einer, umgeben vom traditionellen
Arbeiterwohnungssiedlungsbau, neu geplanten Siedlung direkt gegenüber der BASF,
in
welcher man in den letzten zwei Entwicklungsjahren konsequent eine
nachhaltige, ökologische Stadtentwicklung durch Energieversorgung mit
Blockheizkraftwerk, Fotovoltaik und Solar und somit den Niedrigenergie- und
Passivhausstandart an Wohnblöcken durchsetzen konnte, wie uns Herr Dr. Schubert
ausgiebig erklärte. Bei der Besichtung der großzügig gestalteten Innenräume
eines der Häuser konnten wir sogar „bis ins kleinste Detail“ vordringen!
(Bilder 2 und 3): LUWOGE – Projekt „Brunckviertel“ in Ludwigshafen/ Rhein
„Niedrigenergie- und Passivhausstandart bei neuen Blockbebauungen“
Zwei weiteren
Stationen unserer Führung waren dann, geführt von drei Vertretern des
städtischen Wohnungsunternehmen GAG, zukunftsfähige Modellvorhaben einer
ehemaligen Großsiedlung und der Siedlung „Schiller Schule“ in LU – Mundenheim,
an denen uns ausführlich der Passivhaus - (1 – Liter –Haus -) standart im
Bestand demonstriert wurde. Weitere Themen in Bezug darauf waren zum einen das
„Service Wohnen“ und die damit verfolgten „Privatisierungsstrategien“.

(Bilder 4 und 5): GAG – Projekte in Ludwigshafen - Mundenheim
„ENEV- / Passivhäuser“ im Bestand
„Niedrigenergiesiedlung – Schiller Schule“
Nach diesen sehr interessanten Modelldarstellungen moderner und nachhaltiger
Stadtplanung, mussten wir, aufgrund der engen zeitlichen Begrenzung noch zu
unserem letzten Exkursionshalt, dem Raumordnungs-verband Rhein – Neckar im
Mannheimer Stadthaus N1. Doch das verlief nicht ganz ohne Zwischenfall, wie sich
herausstellte! Da unser, kurzfristig etwas „desorientierter“ Busfahrer bereits
in die Schwesterstadt Mannheim einfahrend wieder über den Rhein nach
Ludwigshafen fuhr, wollte ich ihn auf seinen Fehler hinweisen und er zeigte sich
dabei auch einsichtig wieder in Richtung Mannheim umzukehren! Jedoch erwies sich
ein „Wendemanöver“ unter einer Straßenbrücke als fatal und es kam zu einem
Unfall mit einem hinterherfahrenden Fahrzeug!, das den Blinker unseres Busses
übersehen hatte. Aufgrund unserer Zeitnot veranlasste Prof. Christ, dass die
gesamte Gruppe den Bus räumen und mit der Straßenbahn fahren solle. Gesagt,
getan, nach kurzer Straßenbahnfahrt kamen wir dann alle doch noch sicher im
Stadthaus N1 an, wo uns Dr. Claus Peinemann auch schon erwartete. Nach einer
kurzen Kaffeepause referierte er dann in Form einer Powerpoint-Präsentation über
die Vorhaben zur Bewerbung der Region Rhein – Neckar als europäische
Metropolregion.
Er betonte auch nochmals die großen positiven Anstrengungen der verschiedenen
Institutionen, wie z.B. der „Initiative Zukunft Rhein – Neckar – Dreieck“
geleitet durch Vertreter der BASF und natürlich die des Raumordnungsverbandes.
Auch wolle man es z.B. in kultureller und touristischer Hinsicht, wie
beispielsweise durch den Ausbau von Radwegen schaffen, Hochburgen wie Speyer und
Worms zu verbinden, so dass das traditionelle „Konkurrenzdenken (Wer hat den
schöneren Dom?“...) endgültig aus den Köpfen verschwinde. Nur gemeinsam und im
Verband sei man stark und könne auch nach außen regionale Stärke beweisen, trotz
verschiedener kultureller Schwerpunkte.
Wie in der Rhein – Main – Region sei auch ein Regionalpark schon in Planung und
als Modellvorhaben begonnen worden.
In der abschließenden Diskussion kristallisierten sich noch einmal die
wesentlichen Entwicklungsziele für die Region heraus.
„Ein Leitbild für die Region sei von immenser Wichtigkeit“, erwähnte Prof. Dr.
Bodenschatz, Architektur - Soziologe der TU Berlin.
„Durch die Bildung von Metropolregionen sei die Chance des europaweiten
Zusammenwachsens noch stärker, auch die vorhandene Infrastruktur, wie das
Beispiel der ICE – Trasse Frankfurt – Paris sowie das Aktzepieren gegenseitiger
kultureller Identitäten seien dabei sehr wichtige Eckpunkte“, so Prof. Christ.
Abschließend erwähnte Dr. Kegler noch, dass es wirklich wichtig sei, „dass wir
die Qualität der europäischen Städte nicht verlieren“ und betonte damit das
Bestreben und den Grundgedanken des C.E.U..
Danach folgte noch eine interessantes Gespräch über die gemeinsame Charta der
noch sehr „jungen Pflanze“ C.E.U.D., bei der man allgemein die Leitlinie unter
der gemeinsamen Sichtweise von Region, Stadt bzw. Stadtquartier weiter verfolgen
wolle.
Der Ausblick auf die geplante internationale Konferenz vom 08.-10. September in
Berlin, bestärkte mich wieder zum Council of European Urbanism hinzu zustoßen.
Als kurze Reflektion der doch sehr „ereignisreichen Exkursion“ kann ich
abschließend ein äußerst positives und hocherfreutes Resumee für meine „Region“
ziehen und hoffe auf weiterhin interessante Vorträge und Tagungen.
Hochachtungsvoll
Ihr Dipl.- Ing. Marcus Schowalter