– der Adressat dieser Ansprache waren vor 100 Jahren die Interessierten der sich gerade konstituierenden, jungen Disziplin „Städtebau“. Heute richtet sich die neue Gründung einer Städtebauzeitschrift an alle – dank Internet. Nun scheint nach jenen einhundert Jahren und schwerwiegenden Verlusten so etwas wie ein neues Stadt-Jahrhundert anzubrechen. Daraus leiten die Herausgeber den Titel dieses Internetmagazins ab: Die neue Stadt versteht sich nicht als Wiederauflage der Zeitschriften der 1920er Jahre, die die auch physisch neue Stadt propagierten. Es geht um das Verständnis von Stadt in der Umbruchzeit der Industriegesellschaft, um die Stadt nach der Industrie, um die Stadt der Schrumpfung, um die Stadt qualitativ neuen Wachsens, um die Stadt neuer Bewohnerschichten und Ansichten von Bewohnern, die aus anderen Kulturen kommen. Es geht um die Stadt, die von einem neuen Planungsverständnis geprägt wird und um die Stadt, die unter neuen finanziellen Bedingungen ihre Daseinsvorsorgepflichten erfüllen muss.
Bei der Ausdeutung all dessen gehen die Meinungen nicht nur auseinander,
sondern werden Glaubenskriege geführt. Vor allem aber wird die Diskussion über
die Stadt weitgehend aus der Perspektive der Architektur geführt – und das nicht
nur im Feuilleton. Hier sind Korrekturen notwendig. Dem Primat der Stadt Gewicht
zu verleihen, ist ein Grundanliegen des neuen Städtebaumagazins.
Das Magazin will vor allem den Dialog zwischen den Disziplinen und zwischen
Forschung und Praxis fördern, besonders den Erfahrungsaustausch von Praktiker zu
Praktiker. Im Zentrum dessen stehen Projekte, die kritisch befragt oder nur zur
Diskussion gestellt werden. Ein besonderes Anliegen ist es, Planungen auf der
städtebaulichen Ebene zu unterstützen, die neue Wege beschreiten, die den
europäischen Städtebau stärken und die die gravierenden Herausforderungen im
sozialen, gestalterischen, ökologischen und wirtschaftlichen Bereich, vor denen
die Städte stehen, annehmen.
Der bildungsbürgerliche Anspruch lag im Zentrum des Interesses der Initiatoren
der Städtebauzeitschrift vor 100 Jahren: Eine „Sammelstätte“ zu schaffen für die
Fachleute der entstehenden Disziplin und „zugleich ein Organ zur Belehrung und
Anregung aller Mitbeteiligten: das ist der Zweck unserer Monatszeitschrift: Der
Städtebau“, so formulierten sie ihr Anliegen.
Diese Worte leiteten eine fast drei Jahrzehnte währende Publikationsreihe ein.
Ende 1904 erschien die erste Nummer der Zeitschrift „Der Städtebau“, gegründet
von dem heute nahezu unbekannten, aber zum Wegbereiter der Disziplin gehörenden
Theodor Goecke und dem kurz vor dem Erscheinen verstorbenen Camillo Sitte.
Brauchen wir eine neue Zeitschrift für eine neue Disziplin Städtebau, wie sie
der Städtebauhistoriker Lampugnani vor einem Jahr forderte? Diese neue
Zeitschrift möchte zur Klärung beitragen. Ja –sagen die Initiatoren, doch nicht
als Wiederbelebung einer aussterbenden Spezies, sondern als neues Medium, das
Brücken bauen will, Themen forciert und auch die Fragen nach den Seiten des
Städtebaus stellt, die im Modernisierungswahn des 20. Jahrhunderts schlicht
verschüttetet wurden und die es behutsam zu erneuern gilt. Doch die
Herausforderungen sind heute ungleich gewaltiger, angesichts von globalen Themen
und lokalen Zwängen. Das Internetmagazin richtet sich also nicht nur an die
Fachwelt – es ist ausdrücklich an die breite Öffentlichkeit der Praktiker in den
Städten, an die Developer, an die Politiker auf den unterschiedlichen Ebenen, an
die interessierte Bewohnerschaft, an Initiativen und Fachvertreter gerichtet,
die sich als Grenzgänger zwischen den „Welten“ bewegen.
Wenn wir nun ein Jahrhundert später daran anknüpfen, klingt dies nach Nostalgie,
Verklärung oder historischer Rückversicherung. Und: Ist es nicht etwas platt,
sich in diese historische Reihenfolge zu stellen? Stehen diese Namen nicht für
Stadtbaukunst im traditionellen Sinne? Mehr noch: Der Name steht für die
gleichnamige Zeitschrift in den 1920er Jahren – das Gegenbild zum Städtebau von
Goecke und Sitte. Genau auf diesen Spannungsbogen bezieht sich die neue
Städtebauzeitschrift, die hiermit als elektronisches Magazin gegründet wird. Es
ist eine Zeitschrift, die sich, ausgehend von der Gründung des Council for
European Urbanism, als transdisziplinäres, nicht nur als Fachorgan versteht. Die
Macher betrachten Städtebau als „Aufgabe moderner Kulturarbeit“, wie Goecke vor
100 Jahren die städtebauliche Arbeit umriss. Diese ist aber nicht statisch. Sie
muss ihre „Modernität“ neu erringen, sich in der Auseinandersetzung mit den
Strömungen der Gegenwart reifen und ihren Platz definieren.
Waren es zur Gründungszeit von Goeckes Fachmagazin die Auseinandersetzungen um
die „Zonenbauordnung“ und in den 20er Jahren die Diskurse um die
industriekulturelle Bedingtheit des Städtebaus, ihre Modernität in Architektur,
Design und Infrastruktur, war Goecke dem Ausgleich von industriellem Wachstum
und sozialkultureller Mission verpflichtet, so stand die überkommene Stadt in
den 20er Jahren grundsätzlich zur Disposition – ein Thema, das sich seither wie
ein roter Faden durch die Planungsdiskussion zieht: Besinnung auf die
traditionelle Stadt und deren Weiterentwicklung oder radikale Absage an eben
diese Stadt und grundsätzliche Neugestaltung sind die Themen, die wieder auf der
Tagesordnung zu stehen scheinen. „Stadt ohne Eigenschaften“ als gestalterischer
Rekurs auf die Marktförmigkeit der gegenwärtigen Stadt oder die Reurbanisierung
von Suburbia könnten die Pole der Debatte heute sein.
Die Neue Stadt ist also kein historisches Blatt im Internet, sondern eine
Plattform für den Diskurs vor dem Hintergrund der deutschen und europäischen
Stadtentwicklung seit dem fulminanten Aufbruch des Fachgebietes um 1900.
Die Aufforderung lautet: Vor 100 Jahren standen die Fragen nach der ordnenden
Bewältigung der Auswirkungen des Industrie- und Stadtwachstums auf der
Tagesordnung, heute sind es die Folgen der Deindustrialisierung, der
atemberaubenden Suburbanisierung, des kruden Zerstörens der überkommenen Stadt
im Interesse der Modernität des Lebens in der autogerechten,
geschichtsentledigten Nicht-Stadt. Reparatur ist die Hauptaufgabe. Mehr noch.
Umbau auf allen Ebenen heißt die Devise: Kampf der Zersiedlung und beharrliches
Wirken für eine neue städtebaulich-gestalterische Qualität, die nicht Moden
unterworfen ist, sondern den europäischen Städtebau weiterentwickelt. Umbau
heißt auch Umstellung der Energieversorgung auf eine regenerative Basis, soziale
Integration und Vielfalt, Sicherheit –im nichttrivialen Sinne, Reurbanisierung
der sich perforierenden Stadt, die Verbindung von privatem und öffentlichem
Städtebau und natürlich die Schaffung einer neuen wirtschaftlichen Basis der
Stadt, die längst, so scheint es, finanziell weitgehend ausgeliefert ist,
abhängig wie ein Drogensüchtiger, blockiert im politischen Patt. Und doch - sie
ist die bisher wirklich einzige räumliche Form sozialkultureller Hoffnung
geblieben. Die Zeitschrift ist kein Verkündungsorgan einer städtebaulichen
Auffassung, sondern eben eine Plattform. Sie ist aber kein Ort der beliebigen
Ausbreitung. Die Leser- und Schreiberschaft mag sich arrangieren und gemeinsam
mit den Initiatoren das Profil weiter entwickeln. Die Neue Stadt ist ein
permanentes Magazin. Es besteht aus einem Kern aus Fachbeiträgen und im
Informationsteil aus Kommentaren, aktuellen Informationen, Angeboten und
Literaturhinweisen. Die Zeitschrift erscheint in kurzen Abständen – die
vergangenen Nummern sind permanent im Archiv einzusehen. Die Neue Stadt wird
zwar vom Council for European Urbanism in Deutschlandgegründet, versteht sich
aber nicht als dessen Organ. Vielmehr ist sie eine offene Zeitschrift und kein
Mitteilungsblatt. Sie ist eine Zeitschrift im klassischen Sinne und keine
Sammlung von „News“. Die Neue Stadt versucht, im neuen Medium ein „altes“ zu
sein. Und sie will ein europäisches Magazin sein, das Beiträge aus Europa von
nichtdeutschen Autoren ebenso einschließt wie Berichte über städtebauliche
Entwicklungen in Europa aus deutscher Sicht. Gastbeiträge, die den Horizont
erweitern, sollen eine festen Bestand im Magazin haben – ein Anliegen, das
bereits bei der Gründung der Fachzeitschrift „Der Städtebau“ vor 100 Jahren eine
Rolle spielte.
Die Herausgeber:
Harald Kegler, Harald Bodenschatz, Uwe Altrock
1. März 2005