Städtebau aktuell


Neue Anforderungen an Planung und Stadtforschung im Zusammenhang mit Schrumpfung und Stadtumbau

Heike Liebmann

Seit einigen Jahren ist die Stadtentwicklung – insbesondere in Ostdeutschland aber nicht nur dort – gekennzeichnet durch Bevölkerungsrückgänge, Wohnungsleerstand, sozialstrukturelle Ausdifferenzierungen, eine schwache Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung sowie damit zusammenhängende Folgeprozesse u.a. in Bezug auf die soziale und technische Infrastruktur. Leerstand und brachfallende Flächen sind dabei die am deutlich sichtbarste Zeichen einer grundlegenden Umstrukturierung der Städte. Davon ausgehend setzen aktuelle Handlungsmuster gerade im Osten Deutschlands zumeist vorrangig bei der Reduzierung der baulichen Strukturen sowie der Stabilisierung des Wohnungsmarktes an. Doch wenn gewachsene städtische Strukturen durch sich verändernde Formen des Arbeitens, des Wohnens und der Mobilität zunehmend in Frage gestellt werden, werden neue Perspektiven für die Stadtentwicklung in wirtschaftlicher, sozialer, kultureller, stadtgesellschaftlicher, baulicher und wohnungswirtschaftlicher Hinsicht gebraucht (Liebmann, Robischon 2003).

Es geht dabei nicht nur um die Wiederherstellung von städtischen Funktionen und Marktrelationen auf einem deutlich reduzierten Niveau, sondern auch um das Management neuer sozialräumlicher Disparitäten und veränderter räumlicher Arrangements. Und es geht auch um die Fragen danach, wie die „Lebensfähigkeit“ von Städten gesichert werden kann, die keine neue wirtschaftliche Basis finden; wie in Städten und Regionen mit sinkenden Bevölkerungszahlen die wichtigsten Infrastrukturen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, soziale Dienste und Öffentlicher Nahverkehr aufrechterhalten werden können; wie veränderte Steuerungsansätze in Kommunen aussehen können, die einerseits auf sinkende Kommunalfinanzen reagieren müssen und anderseits die Kompetenzen und Fähigkeiten der Bürger stärker einbeziehen wollen. Regenerierungsstrategien müssen dabei möglicherweise auch eine schrumpfungsbezogene Neuinterpretation der vorhandenen endogener Potenziale einschließen (Bürkner 2004).

Deutlich wird auch, dass der Steuerungsaufwand für städtische Strukturentwicklungen in Phasen der Schrumpfung bzw. des Niedergangs erheblich größer ist, als in Phasen des ökonomischen und demographischen Wachstums.

Ein ehrlicher Umgang mit den komplexen Problemen des Stadtumbaus erfordert daher sowohl in den wissenschaftlichen wie auch den politischen Diskursen eine sehr viel breitere Problemwahrnehmung und -auseinandersetzung als dies bisher der Fall ist. Der (vor allem in Ostdeutschland im Rahmen der Erarbeitung integrierter Stadtentwicklungskonzepte) bereits frühzeitig erhobene Anspruch der integrierten Herangehensweisen wird bisher vor allem zwischen Stadtplanern und Wohnungswirtschaftlern erprobt, dies allein wird aber nicht reichen, um unter den gegebenen Voraussetzungen attraktive und lebenswerte Städten zu sichern. Wo die Verflechtungen heterogener Ursachen und Wirkungen eine derartige Verdichtung erfahren, ist allein mit städtebaulichen Mitteln wenig auszurichten.

Gerade die Erfahrungen aus dem Ausland (bspw. Großbritannien oder Frankreich) belegen, dass den mehrdimensionalen Problemlagen der Schrumpfung und des damit verbundenen Stadtumbaus nur mit integrierten (vielschichtigen) Handlungsansätzen begegnet werden kann. Der mit Förderprogrammen unterlegte Stadtumbau in Ost- wie Westdeutschland ist somit sicherlich eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung für eine Regenerierung der Städte. Er darf vor allem nicht dazu führen, die wesentlichen Verursachungszusammenhänge und Problemfolgen der Schrumpfungsprozesse in den Städten aus den Augen zu verlieren.

Notwendig ist eine breite fachöffentliche Diskussion, die dazu beiträgt, Brücken zu bauen zwischen den unterschiedlichen Fachdisziplinen, zwischen Wissenschaft und Praxis wie auch zwischen divergierenden Auffassungen hinsichtlich des (Leit-)bildes der künftigen Stadt(-entwicklung). Sehr viel besser ausgebaute Brücken aber braucht es auch, um den Erfahrungsaustausch und Lernprozesse im europäischen Kontext weiter zu befördern. Mit dem C.E.U. – Netzwerk verbindet sich die Hoffnung, an derartigen Brücken mitzubauen.

Parallel zu der Erkenntnis, dass die Stadtentwicklung unter Schrumpfungsbedingungen eine Verschränkung mehrdimensionaler Handlungsansätze und unterschiedlichster Akteursgruppen erfordert, ist eine Betrachtung des real ablaufenden baulich-physischen Stadtumbaus notwendig. Denn insbesondere durch die finanziellen Förderung von Maßnahmen des Stadtumbaus, d.h. des Abrisses leer stehender Wohnungen und der partiellen Aufwertung städtischer Teilbereiche, im Rahmen sog. Integrierter Stadtentwicklungskonzepte erhoffte man sich Ausstrahlungseffekte auf andere Bereiche (soziale Infrastruktur, Gewerbe etc.). Derartige Effekte sind allerdings bislang (ebenso wie zumeist beim Bund-Länder-Programm Soziale Stadt) überwiegend ausgeblieben, da sich die Kommunen derzeit vor allem darauf konzentrieren, Fördermittel für den Abriss von Gebäuden in Anspruch zu nehmen.
 

Stadtumbau braucht eine Wertediskussion

Das Bund-Länder-Programm Stadtumbau Ost wurde im Jahr 2002 aufgelegt. Es ist im Osten Deutschlands das derzeit wichtigste stadtentwicklungsrelevante Förderprogramm, das zum Ziel hat, die Attraktivität ostdeutscher Städte und Gemeinden durch eine Stärkung der Innenstädte, die Reduzierung des Wohnungsleerstandes und die Aufwertung der von Schrumpfung betroffenen Stadtquartiere zu erhöhen. Mit dem Programm Stadtumbau Ost wird erstmals in der deutschen Städtebaupolitik der ersatzlose Abriss von Wohnraum in großem Umfang finanziell gefördert. Von 2002 bis 2009 stehen für den Stadtumbau Ost Fördermittel in Höhe von 2,7 Mrd. € zur Verfügung. Seit 2004 besteht ergänzend dazu das Programm Stadtumbau West.

Wesentlicher Ausgangspunkt des Stadtumbaus war bzw. ist der massive Leerstand von Wohnraum vor allem in den neuen Ländern. So standen ostdeutschlandweit im Jahr 2002 rund 1,03 Mio. Wohnungen leer, das entspricht einer Quote von 14,7 %. Am stärksten vom Leerstand betroffen sind dabei der Freistaat Sachsen (17,6 % Wohnungsleerstand) und das Land Sachsen-Anhalt (16,9 %). Die geringste Leerstandsquote weist der Freistaat Thüringen mit 10,2 % auf. (SAB 2003)

Angesichts dieses massiven Problemdrucks konzentrieren sich derzeit nicht wenige ostdeutsche Kommunen bei der Umsetzung von Stadtumbaumaßnahmen auf die Bestandsreduzierung durch Abriss. Man folgt damit den vermeintlichen wohnungswirtschaftlichen „Sachzwängen“, indem vorrangig ein Beitrag zur Konsolidierung der von wachsenden Kosten und Insolvenz bedrohten großen Wohnungsunternehmen geleistet wird. Verkannt wird dabei, dass der Stadtumbau ein interessengeleiteter Prozess ist, bei dem die wohnungswirtschaftlichen und städtebaulichen Zielorientierungen bei weitem nicht deckungsgleich sind. Gleichzeitig erhofft man sich mit dieser Prioritätensetzung – entsprechend dem Prinzip „eins nach dem anderen“ – Handlungsspielräume für künftige Aufwertungsmaßnahmen.

Über diese an den Quantitäten der Bestandsreduzierung orientierte Handlungsweise verlieren so manche Akteure den Blick dafür, welche sichtbaren bzw. erlebbaren städtischen Qualitäten für die in den Städten lebenden Menschen mit dem Stadtumbau verbunden werden. Eine tatsächlich wahrnehmbare Verbesserung der Lebensqualität in den verbleibenden Stadtquartieren wird kaum in den Blick genommen. Diskussionen über zu erhaltende und neu zu entwickelnde Werte in der jeweiligen Stadt werden viel zu selten geführt. Damit wird eine wesentliche Chance des Stadtumbaus vertan. Im Sinne einer neuen „Stadtumbaukultur“ erscheint es wichtig, gerade unter den Bedingungen eines umfassenden demografischen und wirtschaftlichen Strukturwandels die Wohn-, Identifizierungs- und Lebensbedürfnisse der StadtbewohnerInnen mit den ökonomischen Möglichkeiten sowie den kreativen Potenzialen von Städtebau, Landschaftsarchitektur und Architektur zu verbinden (vgl. Haller / Rietdorf 2003).

Neue städtische Qualitäten lassen sich nicht allein durch den Abriss überschüssiger Baussubstanz herstellen. Abriss von Wohnraum als dominierende Stadtumbaumaßnahme, Vernichtung von Bausubstanz ohne parallele Aufwertungsmaßnahmen wird von den BewohnerInnen der betroffenen Städte vermutlich vor allem als Symbol des Niedergangs, des „Sterbens“ ihrer Stadt gesehen. Die derzeit vielfach praktizierte, vorrangig wohnungswirtschaftlich orientierte Strategie der schnellen Bestandsreduzierung kann damit möglicherweise eine weitere krisenhafte Problemzuspitzung in Städten verhindern, sie befähigt jedoch kaum zu einer tatsächlichen Problemlösung. (vgl. Kabisch / Bernt / Peter 2004: 162)

Ein Problem in diesem Zusammenhang ist sicherlich auch, dass der Erfolg des Stadtumbaus bisher nahezu ausschließlich anhand von realisierten Wohnungsabrissen gemessen wird. Die Aufwertung hingegen lässt sich viel schwieriger quantitativ fassen bzw. tatsächlich messen. Es fehlen konkrete Indikatoren für den „Nachweis“ der Wirkungen von Aufwertungsmaßnahmen oder auch Beschreibungen für den Erfolg von Aufwertungen.

Veränderte Herangehensweisen im Stadtumbau notwendig

Es scheint grundsätzlich notwendig, einen Paradigmenwechsel im Stadtumbau einzuleiten. Bereits heute ist absehbar, dass es angesichts der Problemdimension und dem prognostizierten weiteren Rückgang der Einwohnerzahlen in Ostdeutschland kaum gelingen wird, den Leerstand im Rahmen des bestehenden Stadtumbauprogramms deutlich zu senken. Man wird somit insbesondere im Osten Deutschlands noch über einen langen Zeitraum mit anhaltend sehr hohen Leerstandszahlen leben müssen. Daher erscheint es unvermeidbar den Stadtumbau künftig nicht mehr vorrangig auf die möglichst schnelle und umfangreiche Bestandsreduzierung zu orientieren, sondern vielmehr die künftig anzustrebenden Qualitäten der Stadt in den Mittelpunkt zu stellen. Dies heißt, Prioritätensetzungen in solchen Bereichen der Stadt vorzunehmen, die nach übereinstimmender Ansicht der relevanten Akteure als konsolidierungsfähig einzuschätzen oder aber zumindest über den gesteuerten Einsatz von Abriss- und Aufwertungsmitteln zu stabilisieren sind.

Insbesondere in den sehr stark vom Leerstand betroffenen Städten ist es notwendig, sich in der Diskussion stärker auf die Aufwertungsbereiche bzw. die zu erhaltenden Wohnbereiche zu konzentrieren und ihre künftigen Qualitäten zu definieren. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die zur Verfügung stehenden begrenzten Ressourcen in solchen Bereichen der Städte aufgezehrt werden, die bei ehrlicher Betrachtung wahrscheinlich ohnehin nicht gehalten werden können, parallel aber weitere Gebiete in eine Abwärtsspirale rutschen, die man bei frühzeitigen gezielten Maßnahmen hätte aufhalten können. Der Stadtumbauprozess muss für die BewohnerInnen mit der Erfahrung verknüpfbar sein, dass die Veränderungsprozesse in den Städten auch verbunden sind mit konkret, persönlich wahrnehmbaren Verbesserungen der Lebenssituation. Gelingt dies nicht, können die Verlusterfahrungen des Stadtumbaus zu weiteren Enttäuschungen führen, die sich wiederum in weiteren Abwanderungen äußern.

Eine solche Strategie setzt implizit eine Entscheidung zur Desinvestition in bestimmten Stadtteilen voraus, was natürlich stadtpolitisch nicht unbedingt einfach zu vertreten ist. Daher muss verstärkt über Möglichkeiten nachgedacht werden, wie mit dauerhaft nicht mehr benötigtem Wohnraum umgegangen werden kann, für den keine Abrissmittel zur Verfügung gestellt werden können. Dabei sind in Einzelfällen dauerhafte Stilllegungen und Sicherungen ganzer Quartiere ebenso in den Blick zu nehmen, wie Möglichkeiten der Umnutzung. Der entsprechende Appell von Karl Ganser „Hände weg, liegen lassen!“ aus dem Jahr 2001 verhallte bislang allerdings weitgehend ungehört.

Derartige Überlegungen stellen derzeit Grenzüberschreitungen bzw. Tabubrüche dar, die aber notwendig sind, um sich neuartigen, tragfähigen Handlungsansätzen anzunähern. Sie können dazu anregen, bisherige Denkschablonen zu verlassen und nach Möglichkeiten für einen kreativen Umgang mit den vorhandenen Baukörpern zu suchen, die nicht dem heute verbreiteten Schwarz-Weiß-Muster – entweder erhalten und für Wohnzwecke nutzen oder abreißen – entsprechen.

Letztendlich sollte im Mittelpunkt des Stadtumbauprogramms die Sicherung attraktiver, lebenswerter Städte und Stadtteile stehen. Damit rücken dann auch die bisher im Stadtumbauprozess kaum wahrgenommen BewohnerInnen und NutzerInnen der Städte mit ihren Wünschen und Ansprüchen an eine attraktive, lebenswerte Stadt viel stärker ins Zentrum der Betrachtung. Aus einer solchen Stadtumbaupolitik eröffnen sich in den Städten neue Zukunftsoptionen für die in ihnen lebenden Menschen.

Literatur

Bürkner, Hans-Joachim (2004): Schrumpfung und städtische Restrukturierung – sozialräumliche Perspektiven (unveröffentl. Manuskript)
Buttolo, Albrecht (2004): Rückblick und Ausblick auf den Stadtumbauprozess im Freistaat Sachsen. In: vhw Forum Wohneigentum 4/2004, S. 180-183
Ganser, Karl (2001): „Hände weg, liegen lassen!“ In: Der Architekt 4/2001, S. 27-30
Haller, Christoph / Rietdorf, Werner (2003): Baukultur im Stadtumbauprozess. Erkner
Kabisch, Sigrun / Bernt, Matthias / Peter, Andreas (2004): Stadtumbau unter Schrumpfungsbedingungen. Eine sozialwissenschaftliche Fallstudie. Wiesbaden.
Liebmann, Heike / Robischon, Tobias (Hrsg., 2003): Städtische Kreativität – Potenzial für den Stadtumbau. Schader Stiftung / Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung. Darmstadt, Erkner
[SAB (2003)] Sächsische Aufbaubank (Hrsg.): Monitoring Wohnungswirtschaft 2003. Dresden.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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