Botschaften zum Thema Städtebau
Anmerkungen zum Städtebaubericht der Bundesregierung 2004

Harald Bodenschatz
veröffentlicht in: Die alte Stadt 3/2005 (S. 264-268)


Am 30.12.2004 – kurz vor Jahreswechsel – präsentierte die Bundesregierung ihren „Städtebaulichen Bericht 2004“, der mit dem programmatischen Untertitel „Nachhaltige Stadtentwicklung – ein Gemeinschaftswerk“ geschmückt war. Was waren die guten Vorsätze, die die Bundesregierung uns zum Jahreswechsel mitteilen wollte? Städtebau steht heute vor neuen, gewaltigen Herausforderungen – vor dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandel, dem Abschied von der Industriegesellschaft, der Globalisierung, der Alterung der Gesellschaft, der zunehmenden sozialen Ausdifferenzierung, der abnehmenden Ressourcen der öffentlichen Hand, der partiellen Schrumpfung. Auf all diese Herausforderungen muss geantwortet werden. Zudem soll einer großen Leitlinie entsprochen werden – dem Imperativ der Nachhaltigkeit, der schon im Titel anklingt. Wahrhaft titanische Aufgaben! Doch das Echo im Lande war mager. Warum? So spannend wie ein Krimi ist der Bericht natürlich nicht: Die Sprache richtet sich nur an Eingeweihte, an Bildern finden sich lediglich Tabellen und Karten, und Wiederholungen erhöhen auch nicht gerade die Aufmerksamkeit. Das ist eigentlich bedauerlich. Denn der Bericht hat außerordentliche Verdienste. Er betont die Bedeutung des Politikfelds Städtebau, er verweist nicht nur auf die Trends der Stadtentwicklung, sondern verdeutlicht auch, wie auf diese geantwortet werden sollte, er formuliert Anforderungen an eine „zukunftsfähige Stadtentwicklungspolitik“, er erläutert die zahlreichen Maßnahmen und Programme, die die Bundesregierung aufgelegt hat, und zeigt deren Wirkungen. Städtebau, das wird deutlich, liegt der Bundesregierung nicht nur am Herzen, sondern für den Städtebau stellt die Bundesregierung auch gewaltige Finanzmittel bereit. Die Städtebauförderung ist eine außerordentliche wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leistung der öffentlichen Hand, ein Mittel, das wesentlich dazu beigetragen hat, dass unsere historische Zentren saniert, dass zahlreiche Innenstadtgebiete erneuert und dass unsere Altbauten modernisiert worden sind. Deutschland kann ohne jeden Zweifel stolz auf seine Städtebauförderung sein. Nach dem Lesen des Berichts hat man den Eindruck: Alles ist erkannt, in Programme umgesetzt und daher im Griff. Doch dieser Eindruck könnte täuschen – zumindest ein wenig. Jedenfalls gibt es doch einige Aspekte, die verbesserungsfähig wären. Ich möchte einige davon im Folgenden ansprechen.

1. Von zentraler Bedeutung für alle Gemeinden ist der Umgang mit dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandel, mit dem Abschied von der Industriegesellschaft, mit der Transformation der Städte in Richtung einer neuen sozioökonomischen Struktur. Was sind in Zukunft die entscheidenden wirtschaftlichen Grundlagen? Die Grundlagen für einen „Kreativen Sektor“, für neue Dienstleistungen, wissensbasierte Branchen, Tourismus? Was müssen die Gemeinden städtebaulich tun, um attraktiv zu werden für neue, zukunftsfähige wirtschaftliche Grundlagen, für neue, kreative soziale Schichten? Was heißt es, eine kreative Stimmung zu schaffen, ein Klima von Offenheit, Toleranz, kultureller Vielfalt? Was bedeutet es konkret, dass dieser Wandel sich unter drastisch verändernden demographischen Verhältnissen vollzieht? Mit anderen Worten: Was sind die zentralen städtebaulichen Aufgaben, die sich in Deutschland aus dem spezifischen Strukturwandel, aus der sozioökonomischen Transformation, ergeben? Der Bericht thematisiert die Notwendigkeit, Transformation zu fördern, immer wieder, stellt diese zentrale Herausforderung aber nicht weit genug in den Vordergrund.
2. Nachhaltigkeit ist ein großes Wort, im Alltag aber oft nur ein flüchtiges Wort und nur allzu häufig eine Sonntagsrede. Daher ist es notwendig, die Botschaft Nachhaltigkeit – in ökologischer, sozialer, ökonomischer und kultureller Hinsicht – zu präzisieren und bei jedem einzelnen Argumentationsschritt zu entfalten. Dies gelingt dem Bericht nur in Teilen. In manchen Abschnitten bleibt der Bezug zur Nachhaltigkeit etwas vage. Was bedeutet Evaluation der Städtebauförderung unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit? Was heißt Nachhaltigkeit in Bezug auf die Notwendigkeit, Transformation zu fördern? Ist es nicht die Schlüsselaufgabe überhaupt, Transformation so zu fördern, dass sie nachhaltig wirksam wird, also unsere Nachfahren entlastet und nicht belastet, zugleich aber der wirtschaftlichen Entwicklung Impulse gibt, die neue Chancen eröffnen? Was bedeutet in diesem Zusammenhang Zukunftsfähigkeit, ein Begriff, der zuweilen im Bericht Verwendung findet? Heißt Zukunftsfähigkeit nicht die Fähigkeit zur Förderung der Transformation in nachhaltiger Weise? Über solche Kernbotschaften müsste vollständige Klarheit herrschen.
3. Städtebau ist dreidimensional, er umfasst Räume und deren Struktur, nicht Flächen. Unser Alltag, unser Wohnen, unser Wirtschaften, unsere Kultur spielt sich in konkreten Stadträumen ab. Im Bericht hat man durchgängig den Eindruck, dass die dritte Dimension als nicht wichtig angesehen wird. Neue gestalterische Trends, etwa des Zentrumsumbaus und der Suburbanisierung, werden nicht dargestellt, städtebauliche Themen, die die Öffentlichkeit erregen, etwa die Hochhausdebatten, bleiben außen vor. Die neuen Formen des zunehmend an Bedeutung gewinnenden privaten Städtebaus werden nicht diskutiert. Die neue Vielfalt öffentlicher Räume ist kein Thema. Zwar wird die Notwendigkeit zur Gestaltung öffentlicher Räume sehr oft angesprochen, aber was das konkret heißt und was man aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen kann, wird allenfalls angedeutet. Städtebau wird tendenziell auf eine raumneutrale Stadtentwicklung eingeengt. Oder zumeist auf einen Fördertatbestand reduziert.
4. Qualität gilt als Maßstab für guten Städtebau. Aber was ist städtebauliche Qualität? Was ist Stadt-Baukultur? Wer bestimmt darüber? Der Städtebau des 20. Jahrhunderts hat sehr unterschiedliche Räume geschaffen – in den Städten und außerhalb. Diese Räume haben sich nicht alle bewährt. Oder genauer ausgedrückt: Sie erscheinen heute nicht mehr alle gleich zukunftsfähig. Hier ist eine Qualitätsdiskussion erforderlich. Hat Qualität auch etwas mit Schönheit zu tun? Gibt es nachhaltige Qualität, oder nachhaltige Schönheit? Was hat Qualität mit der Notwendigkeit tun, Transformation zu fördern? Zweifellos sehr viel! Gibt es aber besondere Ansprüche an Qualität in dieser Hinsicht? Die Qualitätsdiskussion ist eine Schlüsseldiskussion, sie muss mit Nachhaltigkeit und Transformations-Förderung gekoppelt werden. Und sie muss auf eine breitere Diskussionsbasis gestellt werden. Sie ist eine Voraussetzung für eine plausible Evaluation städtebaulicher Maßnahme und Programme.
5. Qualität lässt sich nicht nur und nicht in erster Linie mit Worten beschreiben. Qualität erschließt sich vor allem aus gebauten Beispielen. Beispiele von best practice können und müssen programmatische Aussagen zum Thema Qualität verdeutlichen. Sie müssen zugleich zeigen, nach welchen Qualitätskriterien das Beispiel als sehr gut einzustufen ist. Der Bericht spricht zwar ab und an von „guten Beispielen“, verzichtet aber in der Regel auf die konkrete Nennung von best practice Fällen.
6. Bilder klären die programmatischen Aussagen zum Thema Qualität weiter. Kein einziges Bild eines gelungen, dreidimensionalen Städtebaus oder eines vorwärtsweisenden städtebaulichen Konzepts wird in dem Bericht präsentiert. Damit wird eine große Chance vertan – und zudem die notwendige Vernetzung von zweidimensionalen Stadtentwicklungsüberlegungen mit dreidimensionalen Projekten nicht vorgeführt.
7. Die öffentliche Hand kann nicht mehr weitermachen wie bisher. Ihr schwinden die Ressourcen, sie ist auf neue Partnerschaften, auf neue Koalitionen angewiesen, um den Herausforderungen von morgen begegnen zu können. Dies wird im Bericht eindrucksvoll unterstrichen. Deutlicher werden müsste aber die Zielrichtung der Koalitionen. PPP an sich sind weder gut noch schlecht. Gefordert sind vor allem Transformations-Koalitionen, die gemeinsam den Strukturwandel meistern – und zwar durch Transformations-Schlüsselprojekte. Diese herauszuarbeiten, in best practice Fällen darzustellen, und in vorhandene oder womöglich neue Programme einzubinden, wäre wünschenswert.
8. Selbstkritik ist ein außerordentlich wichtiges Element der Städtebaudiskussion, wenngleich Politik und Verwaltung sich aus durchaus einsichtigen Gründen damit schwer tun. Der Bericht formuliert an einigen wenigen Stellen eine zaghafte Selbstkritik. Notwendig wäre aber eine umfassende Beurteilung der Städtebaupraxis der Vergangenheit – hinsichtlich Nachhaltigkeit, hinsichtlich Förderung der Zersiedelung, hinsichtlich Förderung oder Behinderung der Transformation usw., also hinsichtlich der zentralen Aufgabenstellungen.
9. Wenn wir heute von Städten sprechen, bleibt dieser Begriff seltsam diffus. Längst haben sich die Städte der Vergangenheit zu Stadtregionen entwickelt. Stadtregionen sind die Grundeinheiten einer globalisierten Wirtschaft, und sie sind auch die erforderliche Raumeinheit, die eine nachhaltige Stadtpolitik beachten muss. Darauf hat auch der Bericht unmissverständlich hingewiesen. Was bedeutet das aber für die Zukunft? Der Bericht hätte deutlicher sagen können, dass unsere deutschen Gemeinden wenig zukunftsfähig handeln, wenn sie weiter Kirchturmpolitik betreiben. Eine Politik für die Stadtregion hat keinen starken Träger, und sie wird auch nicht über Maßnahmen und Programme der öffentlichen Hand angemessen stimuliert. Das ist im Wettbewerb der Stadtregionen ein schwerwiegender Wettbewerbsnachteil.
10. Wenn wir von Stadtregionen sprechen, müssen wir weiter differenzieren. Woraus bestehen solche Stadtregionen? Aus einem oder verschiedenen, mehr oder weniger vernetzten Kernen, aus Zentren, Innenstädten, suburbanen Schichten unterschiedlichen Alters und Typs usw. Wenn im Bericht von Innenstädten gesprochen wird, ist die Abgrenzung zu Zentren nicht immer klar. Das ist aber sehr wichtig, denn die Erneuerung der Zentren hat andere Erfordernisse und auch eine andere Bedeutung als die Erneuerung der Innenstädte. Wenn vom Umland gesprochen wird, bleibt unklar, welches Umland warum positiv oder negativ zu bewerten ist und welche Maßnahmen hier zu ergreifen sind.
11. Europa ist nicht mehr nur eine Bürokratie in Brüssel, sondern mehr und mehr Realität. Vor diesem Hintergrund ist es außerordentlich verwunderlich, dass – trotz des Verweises auf die Internationalisierung – der Blick über die Grenzen vermieden wird. Was passiert städtebaulich in England, in Frankreich, in den Niederlanden und anderswo? Der Blick über die Grenzen ist unverzichtbar, um von anderen Erfahrungen zu lernen. Der Blick nach Brüssel und auf die verschiedenen Kommissionen kann den Blick in die anderen Länder nicht ersetzen. Wir müssen uns mit best practice Beispielen in anderen Ländern auseinandersetzen. Sonst zementieren wir uns selbst einen Wettbewerbsnachteil.
12. Die zentrale Frage ist nicht nur, was ist los mit dem Städtebau in Deutschland, sondern auch: Was will die Bundesregierung mit dem Städtebau? Der Bericht hätte die zentralen Botschaften in einer programmatischen Kernbotschaft bündeln sollen. Solche Botschaften – wie kompakte Stadt, Förderung der Innenstädte, Kampf gegen Zersiedelung – klingen immer wieder an der einen oder anderen Stelle an, werden aber – mit Zuspitzung auf Nachhaltigkeit und Förderung der Transformation – nicht als politische Botschaft gebündelt. Ein gutes, griffiges Beispiel ist das 30-ha-Flächenverbrauchsziel der Bundesregierung. Solche klaren Zielsetzungen brauchen wir mehr.

Einige der hier angesprochenen Aspekte finden sich in einem – begrenzt – vergleichbaren Bericht, dem Final Report der Urban Task Force, einer Institution, die vom britischen Städtebauminister eingerichtet worden ist, um die Probleme der englischen Städte zu klären und Konzepte zum Umgang mit diesen Problemen in nachhaltiger wie transformationsorientierter Weise vorzuschlagen. England, das ist sicher nicht übertrieben, kann zurzeit als ein Land betrachtet werden, in dem die Diskussion über Städtebau eine überdurchschnittliche Reife erlangt hat. Der Final Report hat anders als der deutsche Städtebaubericht den Blick nach Europa weit geöffnet, er hat darüber hinaus seine Argumentationen an konkreten Fällen und mit vielen Bildern bekräftigt. Er hat das Thema Urban Design in den Mittelpunkt gerückt, und er hat seine Argumentationen in einem stadtentwicklungspolitischen Programm kondensiert. Sicher – die englischen Verhältnisse sind anders als in Deutschland. Und England hatte nach der Thatcher-Ära einen großen städtebaulichen Rückstand im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Auch zu Deutschland. Aber wir müssen aufpassen, dass Deutschland nicht mittelfristig ins Hintertreffen gerät. Einem Außenstehenden stellt sich dabei auch die Frage, welche Folgen unser föderales System auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Stadtregionen haben wird. Was der Bericht der Bundesregierung nämlich nicht evaluieren darf, ist die Verteilung der staatlichen Zuständigkeit für Städtebau. Warum sollte sich ausgerechnet diese Verteilung im Prozess der tiefgreifenden Veränderungen als ewig optimal erweisen? Darf der Bund nur das Instrument der Städtebauförderung spielen? Darf er auch Kampagnen einleiten? Darf der zuständige Minister Großveranstaltungen wie die Urban Summits in England lancieren? Darf er Handlungsvorschläge für Urban Design erarbeiten lassen? Und darf er eine langfristige Beobachtung der Entwicklungen in anderen Ländern der Europäischen Union institutionalisieren?



 






 

 


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