XIII. Congress for the New Urbanism in Pasadena/California:
The Polycentric City, 9.-12. Juni 2005


Ausgerechnet die Stadtregion Los Angeles war in diesem Sommer zentrales Thema der New Urbanists: die oft beschworene „Mutterstadt des Sprawl“, berühmt für bedingungslosen Autowahn, Stau, Luftverschmutzung, soziale Unruhen, Ressourcenverschwendung und Formlosigkeit. Doch Vorsicht! L.A. ist auch nicht mehr ganz das, was es einmal war.

Anders als die meisten US-Metropolregionen, so Stefanos Polyzoides, Mitglied der Führung des New Urbanism und einer der Veranstalter des Kongresses, war die Stadtregion L.A. von Anfang an eine „polyzentrische“ Stadt, mit einer Kernstadt (Los Angeles) und zahlreichen kleineren Städten, die entlang der Eisenbahnlinien entstanden. Sie wurde seit den 1920er Jahren flächendeckend (2.500 Meilen!) durch Straßenbahnen erschlossen und verfügte mit den großen Boulevards über ein robustes Netzwerk öffentlicher Räume. Erst seit den 1940er Jahren wurde diese regionale Struktur radikal überformt und beschädigt: Der Schienenverkehr wurde abgeschafft, ein dichtes Netz von Freeways wurde über die Region gelegt, die Suburbanisierung beschleunigte sich, und die historischen Stadtzentren verfielen. Die Kahlschlagsanierung der 1960/70er Jahre auf dem Bunker Hill in Downtown New York markierte einen Höhepunkt der Stadtzerstörung. Erst in dieser Phase wurden die Freiräume zwischen den Stadtzentren und Boulevards flächendeckend besiedelt, die Stadtregion wucherte ins Umland und verlor ihre Form.

Vereinzelt seit den 1980er, vermehrt seit den 1990er Jahren zeichnet sich ein neues LA ab: Gedrängt von Bürgergruppen, die sich gegen den Abriss von historischen Gebäuden einsetzten, begannen einige Städte wie Pasadena, Santa Monica und Long Beach mit einer Politik der Revitalisierung der historischen Zentren - inzwischen mit unübersehbarem Erfolg. Das bedeutete vor allem: fußgängerfreundlichere Hauptstraßen, Neunutzung historischer Gebäude, Ausbau kultureller Einrichtungen und Entertainment-Anlagen, Umbau oder Neubau von stadtfreundlicheren Shopping Centern (CityPlace in Long Beach, Paseo Colorado in Pasadena, The Grove in Los Angeles), vor allem aber Wohnungsbau, Wohnungsbau und abermals Wohnungsbau im Eigentum wie zur Miete. So sind allein in Downtown L.A. 11.000 neue Wohnungen „in der Pipeline“, in Downtown Pasadena 2.500 und in Downtown Santa Monica 1.500 entstanden. Ein Teil der neuen Bewohner - Developer schätzen ihn auf 10 Prozent - sind Bewohner der Suburbs, die sich auch eine Stadtwohnung leisten können und wollen. Das wohl größte Infill-Projekt namens Playa Vista entsteht seit 2000 im Süden des internationalen Flughafens. Dabei handelt es sich um ein arg verwässertes New Urbanism Konzept.

Zugleich wird - finanziert über Steuern - der öffentliche Nahverkehr mühsam wieder angekurbelt - in Form von Schnellstraßenbahnen bzw. Vorortzügen (500 Meilen), Schnellbussen (seit 2000, Ziel bis 2008 450 Meilen) und normalen Bussen. An einigen Haltestellen der Schnellstraßenbahnen werden höchstverdichtete Kleinzentren errichtet (Transit Oriented Developments - TODs, etwa Del Mar Station in Downtown Pasadena nach Plänen von Moule und Polyzoides, im Bau). Wichtige Busrouten konzentrieren sich entlang der historischen Boulevards, die zu zentralen Korridoren aufgewertet werden. Neue oder erneuerte Shopping Center kopieren immer ungenierter die Formen der historischen Stadt - allen voran das neue Center The Grove. Selbst der trostlos betonierte Los Angeles River soll - unterstützt durch die Friends of the L.A. River FoLAR - an einigen Stellen wieder ansehnlicher werden. Schließlich wird Downtown LA zum Aushängeschild der Stadtregion aufgepeppt - durch die wunderbare Disney Concert Hall von Frank Gehry (2003), die einen Freeway überragende neue Cathedral of Our Lady of the Angels von José Rafael Moneo (2002), die Umnutzung historischer Bürobauten zu Wohnzwecken und Wohnungsneubau. Die wunderbare Randbebauung des Broadway wird Zug um Zug aufgewertet. Zurzeit ist ein ganzes neues Hochhauscluster - das Grand Avenue Project - im Gespräch. Die einzelnen Quartiere der Downtown erhalten ein Branding: Fashion District, Toy District, Little Tokyo, South Park, Financial Core, Artistic District, Chinatown usw. Wichtigstes Instrument der Rezentralisierung von L.A. ist der öffentliche Verkehr, der heute immerhin schon von jedem Dritten benutzt wird, der nach Downtown L.A. fährt.

Die vielen mehr oder weniger isolierten Maßnahmen wurden im letzten Jahr in einem großen Regionalplan für Southern California zusammengefasst und zugespitzt. Seine Kernpunke sind: Neustrukturierung der Region durch Verkehrskorridore (Schienenverkehr, Boulevards), Verdichtungen an den großen Haltestellen, Revitalisierung der historischen Zentren, Stärkung des Stadtgrüns und Aufbau eines regionalen Zentrums in Downtown L.A. Projektiert wird vor dem Hintergrund eines erwarteten Bevölkerungswachstums von gegenwärtig 18 Mio. auf 24 Mio. im Jahre 2030 der Bau von (nur) 400.000 neuen Wohnungen. Nutzungsmischung und Bauen im Bestand mit zunehmend ökologischer Orientierung stehen im Vordergrund. Geschosswohnungsbau soll den Einfamilienhausbau in den Schatten stellen. Der Neubau auf der grünen Wiese wird, so das Ziel, dagegen drastisch eingeschränkt werden - auf 2 Prozent der Fläche! Der öffentliche Verkehr soll um weitere 50 Prozent ausgebaut werden. All diese Maßnahmen können dazu beitragen, dass Autoverkehr und Luftverschmutzung spürbar reduziert werden. Der Regionalplan wurde im Auftrag der Southern California Association of Governments (SCAG) von John Fregonese (New Urbanism Büro Calthorpe Fregonese Associates) im Rahmen eines über zwei Jahre moderierten öffentlichen Verfahrens erarbeitet. Seine Umsetzung wird - wie überall - durch das geringe Gewicht der regionalen Institution erschwert. Von den 188 Kommunen der SCAG stehen 50 dem Plan kritisch gegenüber, während 40 schon Umsetzungsschritte eingeleitet haben. Der Plan wurde von Fregonese auf dem Kongress in Pasadena vorgestellt - begleitet von einer Seitenhieb Peter Calthorpes, manche Kollegen im New Urbanism widmeten sich der regionalen Dimension des Städtebaus nicht in gebührlicher Weise.

Der Kongress in Pasadena hatte klare Botschaften: Die Stadtregion ist eine zentrale Ebene des New Urbanism, die Geschichte einer Region muss vor jeder Planung studiert werden. Nicht nur stadtgestalterische, sondern auch ökologische und soziale Aspekte sind bedeutsam. Dagegen spielten Fragen des architektonischen Stils und neuer Siedlungen auf der grünen Wiese kaum eine Rolle. Spürbar waren damit die Besonderheiten des Westküsten-New Urbanism. Eine wichtige Botschaft war schließlich auch: Ein stadtregionaler New Urbanism bedarf einer starken Politik. In dieser Frage schien am 17. Mai ein Glücksfall eingetreten zu sein: die Wahl von Antonio Villaraigosa, dem „ersten Latino-Bürgermeister von Los Angeles seit 1872“, auf den große Hoffnungen gesetzt werden. Antonio Villaraigosa war der Star auf dem Kongress. Er kündigte an, nach den (stadtregionalen) Prinzipien des New Urbanism die Stadt Los Angeles voranzubringen. Auch will er - im Gegensatz zu seinem Vorgänger - das Recht auf das Amt des Vorsitzenden der Metropolitan Transit Authority, der wichtigen Verkehrsbehörde, wahrnehmen. Vielleicht wird es ja doch noch etwas aus der euphorischen Prophezeihung, LA werde - trotz Wohnungsnot und Stadtarmut - ein Modellfall des neuen Jahrhunderts für den Stadtumbau auf regionaler Ebene - eine weiterhin rasch wachsende, aber neu geordnete Region mit Geschichte, lebhaften Zentren und ethnischer Vielfalt. „Heute ist die beste aller Zeiten für Städtebau und Städtebauer in Süd-Kalifornien. Der Großraum wird zurzeit in eine der prosperierendsten, lebenswertesten und urbansten Stadtregionen umgebaut.“ (Elizabeth Moule und Stefano Polyzoides)

Harald Bodenschatz
 


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