
Der Anlass unserer Konferenz hier in Görlitz ist ein doppelter: Es geht zum
einen um die Diskussion eines der aktuellsten Themen des Städtebaus in
Deutschland, um den so genannten Stadtumbau, und es geht zum zweiten um die
Gründung der deutschen Sektion des europäischen Netzwerks zur Städtebaureform (Council
for European Urbanism), um die Gründung des CEU Deutschland. Aber nicht nur das.
Es geht natürlich auch darum, eine der großartigsten historischen Städte
Deutschlands kennen zu lernen, Görlitz, eine Stadt, die sich um die erhaltende
Erneuerung des Zentrums und um den Stadtumbau besonders verdient gemacht hat,
die Europastadt Görlitz/Zgorzelec, die Kulturhauptstadt Europas 2010 werden
will.
Stadtumbau, erhaltende Erneuerung, kritische Rekonstruktion der Stadt – das sind
Themen, die nicht erst heute auf die Tagesordnung gestellt worden sind. Daran
wurden wir gerade wieder nachdrücklich erinnert. Heute genau vor einer Woche
haben einige von uns auf dem Waldfriedhof in Berlin Dahlem von einem der
einflussreichsten Vordenker und Strategen des nachmodernen Städtebaus Abschied
genommen, von Josef Paul Kleihues. Kleihues hat bekanntlich als Direktor der IBA
1984/87 wesentlich die städtebauliche Wende der 1980er Jahre bereichert, und
dies nicht nur in West-Berlin. Sein gestalterischer Einsatz für die sogenannte
Kritische Rekonstruktion der Stadt, sein morphologisches Plädoyer für die
Erhaltung und Weiterentwicklung der Europäischen Stadt hat die Debatte und
Praxis des nachmodernen Städtebaus in Deutschland mitgeprägt.
Nur wenige wissen, dass sein Engagement bereits in den frühen 1970er Jahren
zumindest in West-Berlin von Bedeutung war: Unter der Leitung von Kleihues
wurden im Auftrag des Senators für Bau- und Wohnungswesen Beiträge für den
„Berlin-Atlas zu Stadtbild und Stadtraum“ erarbeitet. In dem 1973 vorgelegten
Beitrag für das Gebiet um die Charlottenburger Schlossstrasse hieß es: „(...)
der ästhetische und baugeschichtliche Stellenwert des Berliner Stadtbildes muß
endlich erkannt werden. So wenig wie Rom den Barock negiert, Paris auf
Haussmanns Boulevards und Wien auf die Ringstraße verzichtet, darf Berlin seinen
gründerzeitlichen Charakter verleugnen. (...) Nicht nur das individuelle
Einzelhaus, sondern das Ensemble gründerzeitlicher Fassaden, die Straßenwandung
und die topographischen Merkmale der Rasterstadt, der Point de Vues, der
Durchblicke, müssen als wertvolle Bestandteile dieser Stadt erhalten bleiben.“
Das klingt heute nicht gerade aufregend, war damals aber ganz und gar radikal,
gegen den Trend. Erhaltung, erhaltende Erneuerung – das war die große
Reform-Losung der 1970er Jahre, die sich gegen die flächenhafte
Kahlschlagsanierung und damit gegen den modernen Städtebau der Nachkriegszeit
wandte.
In den 1980er Jahren ging es weiterhin um den erhaltenden Städtebau, ein Thema,
das die Altbau-IBA in West-Berlin unter der Leitung von Gustav Hämer
außerordentlich erfolgreich präzisierte. Aber inzwischen ging es um mehr: Thema
war nunmehr auch die Reparatur der in der Nachkriegszeit aufgelösten Stadt. Das
Konzept der „Kritischen Rekonstruktion“ war eine West-Berliner Erfindung im
Rahmen der von Josef Paul Kleinhues geführten Neubau-IBA. Es festigte sich in
einem komplexen Prozess von Wettbewerben, Gutachten, Ausstellungen,
Publikationen und öffentlichen Diskussionen. Kleihues ging es bei diesem Konzept
um „die Rekonstruktion der Stadt unter Berücksichtigung moderner Ansprüche:
• um die Erhaltung, Erneuerung und Verbesserung des Stadtgrundrisses. Denn die
Nutzungsverteilung, der Flächenzuschnitt und die Erschließung bilden die
konstituierende Basis für den Aufbau der Stadt.
• um die Geometrie des Aufbaus der Stadt, welche den öffentlichen, den
halböffentlichen und den privaten Raum der Stadt definiert.
• um die Stadt im Kontext zur Landschaft, welche die Grundlage und natürliche
Voraussetzung des Lebens in der Stadt garantiert und sich in den grünen Flächen
der Parks und Gärten sowie den grünen Adern der Allee- und Straßenbäume
sinnbildhaft manifestiert.
• um das Bild der Stadt, denn in der Physiognomie ihrer Häuser bringt die Stadt
in besonderer Weise die geistigen und kulturellen Bestandteile ihrer Geschichte
zum Ausdruck.“
Ziel war die Rehabilitierung der „historischen“ Stadt, der Korridorstraße und
der baulich gefassten Stadtplätze, der grünen Freiräume, der Blockbebauung mit
ihrer Unterscheidung von öffentlichen, halböffentlichen und privaten Räumen.
„Kritisch“ hieß, dass die Annäherung an die historischen Elemente der Stadt
nicht schematisch vollzogen, sondern als Ansporn für eine kreative
Weiterentwicklung verstanden wurde. „Der Begriff der Rekonstruktion geht von der
den Städten innewohnenden Kraft und Hoffnung aus, sich stets zu erneuern, ohne
die Spuren der Geschichte zu verleugnen. (...) Natürlich geht es nicht um die
Rekonstruktion der Stadt des 18. oder 19. Jahrhunderts. Das wäre ebenso töricht
wie die blinde Akzeptanz jedweden modernen Anspruchs. Die Rekonstruktion der
Stadt meint daher nicht die Wiederherstellung des status quo ante, sondern die
kritische und liebevolle Prüfung der historischen Entwicklung und des
gegenwärtigen Zustandes der Stadt sowie der Erwartungen seiner Bewohner.“
„Kritische Rekonstruktion der Stadt“ bedeutete Priorität des Städtebaus vor der
Architektur, Unterordnung der Architektur unter einen städtebaulichen Rahmen,
der die Geschichte des Ortes respektiert und neu interpretiert. Der Bezug zur
Geschichte des Ortes wurde nicht als starres Dogma angesehen, sondern als
flexibler Arbeitsrahmen.
„Kritische Rekonstruktion der Stadt“ implizierte schließlich auch eine
Modifizierung der planerischen Methode: Anstelle deduktiver Verfahren wurde die
gestalterische Auseinandersetzung mit dem konkreten historischen Ort gesetzt.
Diese Auseinandersetzung war kein einsamer und einmaliger Akt eines
städtebaulichen Genies, sondern ein längerer, kollektiver Prozess. Das Medium
dieses Prozesses war die städtebauliche Zeichnung, auch Masterplan genannt. Der
Masterplan war daher weniger ein „künstlerisches Unikat“ als ein „ständig
nachzujustierendes“ Planungsinstrument. Das Spektrum der Architektur im Rahmen
der Internationalen Bauausstellung war sehr breit, viel breiter als nach dem
Fall der Mauer. Es gab keine Vorgaben zu Stil und Material, also kein
architektonisches Regelwerk.
Was hat das alles mit uns hier zu tun? Der Council for European Urbanism (CEU)
ist ein Netzwerk von Personen auf europäischer Ebene, die sich dem Ziel einer
praktischen Städtebaureform verbunden fühlen. Doch diese Städtebaureform beginnt
keineswegs bei einem Nullpunkt. In den 1970er Jahren wurde die praktische Abkehr
vom Städtebau der Nachkriegsmoderne vollzogen, und in den 1980er Jahren wurden
wesentliche Prinzipien und Instrumente des nachmodernen Städtebaus entwickelt
und in der Praxis erprobt.
Heute zeigt sich, dass wir noch weiter gehen müssen. Vor allem seit den 1960er
Jahren haben sich die europäischen Städte in die Breite entwickelt. Suburbia,
Zwischenstadt, Sprawl, Zersiedelung – das sind nur einige Begriffe, die dieser
Entwicklung gerecht werden wollen. Bis in die 1990er Jahre hinein wurde dieses
städtebauliche Arbeitsfeld stiefmütterlich vernachlässigt. Heute aber ist klar:
Der Umbau der Produkte dieser Entwicklung ist eine Herausforderung für den
Städtebau von morgen. Überlagert wurde die fortschreitende Suburbanisierung
durch elementare Prozesse in demographischer und wirtschaftlicher Hinsicht:
durch die sog. Alterung der Gesellschaft, durch die Abnahme der Haushaltsgrößen
sowie durch die sog. Deindustrialisierung, die besser als Abschied von der
Industriegesellschaft bezeichnet werden sollte. Eine Folge davon ist die
schwächer werdende Steuerungsfähigkeit der öffentlichen Hand. All diese Prozesse
werden oft in der griffigen Formel „Schrumpfung“ zusammengefasst – eine etwas
problematische Formel, in der die Besonderheiten der einzelnen Regionen, Städte
und Quartiere verloren zu gehen drohen, eine Formel, die aber der gegenwärtigen
nationalen Mentalität offenbar bestens entspricht.
CEU, das Netzwerk einer europäischen Städtebaureform, wird sich diesen komplexen
Herausforderungen stellen müssen – mit Blick auf die Besonderheiten jedes
einzelnen Falles, mit Blick auf die reichen Erfahrungen, die in Europa, aber
auch in den USA mit den neuen Entwicklungen gemacht worden sind. CEU wurde im
Jahre 2003 auf zwei Konferenzen gegründet, im Frühjahr auf der vorbereitenden
Konferenz in Brüssel und Brügge, und im Herbst auf der eigentlichen
Gründungskonferenz in Stockholm. CEU soll den Erfahrungsaustausch auf
europäischer Ebene fördern, es soll die Debatte um Leitbilder, Instrumente,
Verfahren und Projekte des europäischen Städtebaus intensivieren, und zwar über
die Grenzen einzelner Professionen hinweg, und es soll dazu beitragen, das
Programm des nachmodernen Städtebaus durch Best Practice-Projekte zu
konkretisieren.
Das europäische Netzwerk ist ein Dachverband von Sektionen, die aber erst noch
aufgebaut werden müssen. Unsere Konferenz dient der Gründung der Sektion
Deutschland des CEU. Unser Vorschlag als Gründungsmitglieder des CEU in
Stockholm ist zunächst, die Brückenfunktion des Netzwerks zu stärken. Denn
Brücken zu bauen ist ein wichtiges strategisches Ziel in unserer zerklüfteten
Personen- und Institutionenlandschaft. Ich möchte mich hier auf wenige Hinweise
beschränken.
Unverzichtbar erscheint uns die Überwindung der Grenzen der Professionen.
Städtebau ist nicht nur ein Anliegen von Architekten und Stadtplanern, auch
Landschaftsplaner, Sozialwissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler, Geographen
und andere Disziplinen sind hier gefragt. Aber nicht nur Vertreter von
fachlichen Disziplinen, sondern auch Vertreter der öffentlichen Hand auf den
verschiedenen Ebenen des Staates, und – hier gibt es besonders in Deutschland
noch oft Berührungsprobleme – Vertreter von privaten Investoren und Developern.
Alle Akteure des Städtebaus müssen eingebunden werden. Ein gutes städtebauliches
Projekt muss sich für alle lohnen, auch für diejenigen, die es finanzieren. Die
Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen öffentlicher Hand, Privatinitiative
und Profession zugunsten der Privatinitiative darf nicht nur beklagt, sondern
muss auch als Herausforderung und Chance begriffen werden.
Unverzichtbar erscheint uns gerade in Deutschland eine Überwindung der
unfruchtbaren Spaltung zwischen Vertretern der sog. Europäischen Stadt und
Vertretern der sog. Zwischenstadt. Auch in Deutschland müssen wir von der
Realität von Stadtregionen ausgehen, auch in Deutschland wird der Prozess der
Schrumpfung der Bevölkerungszahl nicht zu einer verallgemeinerten Rückkehr in
die Grenzen der vorindustriellen Stadt führen. Ziel kann nur die Qualifizierung
der gesamten Stadtregion sein, und darin werden die kompakten Kerne auch
weiterhin eine besondere Rolle spielen. Eine nachhaltige Qualifizierung der sog.
Zwischenstadt wird nicht ohne eine Renaissance der Kernstädte möglich sein und
umgekehrt. Die Überwindung der Spaltung heißt natürlich nicht, dass es in diesen
Fragen keine Streitpunkte mehr gibt. Dieser Streit muss aber unter dem Ziel
geführt werden, wie die Stadtregion insgesamt verbessert werden kann.
Unverzichtbar erscheint uns schließlich eine Brücke zwischen moderner und
traditioneller Architektur. Der architektonische Stil ist im städtebaulichen
Diskurs nicht entscheidend. Das heißt natürlich nicht, dass Architektur nicht
wichtig ist, im Gegenteil. Aber Architektur ist mehr als Stil, Architektur ist
auch Proportion, Abschluss des öffentlichen Raums, Raum für Nutzungen, Raum für
soziale Schichten, ein Medium der Exklusion oder Inklusion usw. Die Stilfrage zu
einem zentralen Streitpunkt zu erheben, ist in städtebaulicher Hinsicht
kontraproduktiv, die Frage nach der Qualität der Architektur für einen konkreten
Ort dagegen nicht. Unterschieden werden muss jedenfalls zwischen moderner
Architektur und modernem Städtebau. Der Städtebau der Nachkriegsmoderne ist
überholt, darüber besteht weithin Einigkeit. Aber moderne Architektur hat im
nachmodernen Städtebau durchaus ihren Platz, ebenso wie traditionelle
Architektur.
Das alles sind Ansprüche des CEU, aber noch keine Realitäten. Im Netzwerk des
CEU sind Personen aus vielen europäischen Ländern vertreten, aber keineswegs aus
allen Ländern, und keineswegs in ausreichendem Maße. Und in professioneller
Hinsicht überwiegen hier noch allzu sehr die Stadtplaner. Das ist zum einen
erfreulich, soll uns aber anspornen, unsere professionelle Basis zu erweitern.
Was den Gegensatz von Europäischer Stadt und Zwischenstadt betrifft, so sind wir
hier doch schon auf gutem Wege. Beide Richtungen sind hier vertreten – durchaus
mit dem Anspruch, die Brücke weiter zu festigen. Die historisch schwierigste
Brücke ist sicher diejenige zwischen traditioneller und moderner Architektur.
Traditionelle Architektur ist auf dem Markt erfolgreich, nicht aber in den
akademischen Institutionen. Moderne Architektur hat oft auf dem Markt Probleme,
wird aber in den akademischen Institutionen zumeist als das einzig Wahre
gefeiert. Wir sollten uns bemühen, jede Vorabverurteilung zu vermeiden. Dafür
bedarf es aber einiger Offenheit, der Bereitschaft, genauer hinzusehen und
hinzuhören sowie auch hinzulaufen. Und das Programm? Der CEU hat in Stockholm
eine Charta verabschiedet, in der allgemeine Grundsätze stehen, die von vielen
geteilt werden. Aber das ist nur ein erster Schritt in Richtung eines Programms.
Der CEU wird weit mehr als für seine Charta für seine Taten beurteilt werden,
für seine Projekte, für das, was er als best practice propagieren wird, für das,
was er konkret vorschlagen wird, und nicht zuletzt auch daran, wer sich wie
engagieren wird.
Der CEU erhielt bei seiner Geburt in Brüssel Unterstützung durch die
US-amerikanische Reformbewegung des New Urbanism, des Congress for the New
Urbanism. Dies galt insbesondere hinsichtlich einer Verbreiterung des
Verständnisses von Städtebau – über die rein formale Gestaltung hinaus,
erweitert auf Probleme des Verkehrs, der Umwelt, des Sozialen, der Ökonomie, der
Politik usw. Der New Urbanism ist inzwischen in Deutschland halbwegs bekannt
geworden, und wer etwas mehr von ihm weiß, wird die anfängliche Abwehrhaltung
wegen der traditionellen Häuschen etwa in Seaside und Celebration belächeln.
Natürlich gibt es auch beim New Urbanism vieles zu kritisieren. Aber New
Urbanism ist weit mehr als neue Suburbs im Kleinstadtdesign, mehr als eine
Häusersammlung in traditioneller Architektur. New Urbanism hat zur
überprofessionellen Erweiterung des Verständnisses von Städtebau beigetragen.
New Urbanism ist ein leistungsfähiges, flexibles Netzwerk, ist weniger
akademisch als praktisch orientiert. Und New Urbanism hat eine Fähigkeit zur
kritischen Diskussion der eigenen Positionen entwickelt.
Auf dem letzten Kongress des New Urbanism in Chicago im Juni dieses Jahres wurde
der konzeptionelle Bogen weit zurück geschlagen, bis hin zur White City, der
Weltausstellung im Jahre 1892 in Chicago, dem Geburtsjahr der City
Beautiful-Bewegung in den USA. Dies blieb nicht ohne Widerspruch. Kritisiert
wurde, dass der Bezug auf die City-Beautiful-Bewegung manche Vorurteile
gegenüber dem New Urbanism wieder beleben könnte – vor allem das Vorurteil, es
gehe ausschließlich um eine bessere städtebauliche Form. Am Rande des Kongresses
wurde in diesem Sinne wieder einmal um das Grundverständnis gerungen. Peter
Calthorpe, Advokat der regionalen Orientierung des New Urbanism und Autor des
New Urbanism-Klassikers „The Regional City“, stellte die dominante
gestalterische Orientierung in Frage: Besser gestaltete Siedlungen und
Einzelprojekte sind zwar wichtig, greifen aber zu kurz, wenn es nicht gelingt,
diese in eine stadtregionale Umbauperspektive einzubinden.
Chicago selbst ist ein herausragendes Beispiel für diese Perspektive. Das
Zentrum der Stadt erlebt eine Renaissance – durch den Umbau überkommener und
durch den Bau neuer Gebäude, durch neue Nutzungen, wozu in großem Umfang auch
Wohnungen gehören, durch eine Erweiterung des zentralen Parks mit einer neuen
Konzerthalle von Frank Gehry. An den Rändern des Zentrums werden
Konversionsflächen zu neuen Stadtteilen gestaltet. Der Bezug zum Wasser wird
wieder gesucht, und zwar nicht nur im Zentrum. Die zahllosen Siedlungen des
sozialen Wohnungsbaus werden radikal umgebaut, d.h. in erheblichem Umfang
abgerissen und durch städtische Quartiere ersetzt. Ein gigantisches Projekt, das
hinsichtlich der Unterbringung der ehemaligen Bewohner große Probleme aufwirft.
Schließlich wird die gesamte Entwicklung in einen stadtregionalen Rahmen
gestellt. So hat der Bürgermeister von Chicago hat den Metropolitan Mayors
Caucus gegründet: Erstmals arbeiten damit in den USA alle Bürgermeister einer
Metropolenregion in Fragen regionaler Entwicklung zumindest dem Anspruch nach
zusammen anstatt gegeneinander. Der Commercial Club Chicago hat darüber hinaus
einen neuen Regionalplan entwickelt. An dieser Planung ist wiederum das Büro von
Peter Calthorpe beteiligt. Sicher gibt es im Detail vieles zu diskutieren und zu
kritisieren, aber das Comeback der noch vor wenigen Jahren angeschlagenen Stadt
Chicago ist atemberaubend. Es zwingt dazu, unser Klischee vom Bild der
US-amerikanischen Stadt zu differenzieren. Es hat keinen Zweck mehr, sich am
Beispiel Detroits festzuklammern, um unser Bild von gestern zu konservieren. Der
dominante Trend heute ist ein doppelter: Fortgang der Suburbanisierung bzw.
Postsuburbanisierung zum einen und Renaissance der Zentren zum anderen, eine
widersprüchliche Bilanz.
Im Vergleich zu den USA ist die Städtebaureformbewegung in Europa personell,
institutionell, professionell und regional relativ zersplittert. Das ist ein
großer Nachteil. Wir brauchen in Europa sicher keine Dependance des New Urbanism,
wir brauchen aber ein Netzwerk, das eigenständig einen Dialog führen kann – auch
mit dem New Urbanism. In diesen Dialog kann die europäische Seite Gewichtiges
einbringen – insbesondere eine sehr ausdifferenzierte Kultur des Umgangs mit der
historischen Stadt, aber auch des Umgangs mit den brach gefallenen
Hinterlassenschaften der Industriegesellschaft. Wo wir in Europa eindeutig
nachhinken, ist die Frage des Umbaus der seit den 1960er Jahren entstandenen
äußeren Teile der Stadtregionen, die gerne auch Zwischenstadt genannt werden.
Dazu gehören auch als europäische Besonderheit die großen, oft in industrieller
Bauweise errichteten Siedlungen des sozialen bzw. staatlichen Wohnungsbaus. Aber
auch in dieser Frage haben wir einiges aufgeholt – nicht zuletzt mit Hilfe von
Thomas Sieverts.
Zum Abschluss möchte ich noch auf ein Beispiel eines außerordentlichen
Stadtumbaus von europäischer Bedeutung verweisen, das ich kürzlich studieren
konnte: auf die Renaissance des Zentrums von Genua. Genua ist bekanntermaßen
2004 Kulturhauptstadt Europas. Nicht nur in Deutschland hat die Vergabe des
Titels an diese Stadt einiges Kopfschütteln ausgelöst. Ausgerechnet Genua, diese
schmutzige Hafen- und Industriestadt mit ihrer verfallenen Altstadt und ihren
sozialen Problemen! Noch Anfang der 1990er Jahre galten die Zustände in der
Altstadt als „das sichtbarste Zeichen des allgemeinen Abstiegs und verfehlter
Stadtpolitik“ . Diese Bewertung ist inzwischen überholt. Denn in den 1990er
Jahren hat das Zentrum Genuas eine erstaunliche und spürbare, wenngleich späte
und mühsame Renaissance erfahren, die allerdings keineswegs abgeschlossen ist.
Wichtige, wenngleich nicht immer ganz rund laufende Motoren der Renaissance des
Zentrums waren drei Großereignisse: die Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der
„Entdeckung Amerikas“ durch den Genueser Stadthelden Christoph Kolumbus 1992,
der berühmt-berüchtigte G8-Weltwirtschaftsgipfel der großen Staatsoberhäupter
1998 und eben die Selbstdarstellung als Kulturhauptstadt Europas 2004.
Für jeden sichtbar hat sich die Stadt gewaltig verändert – aus einer Hochburg
der staatlich kontrollierten Industrie wurde eine Stadt mit kleinerer Industrie,
Dienstleistungen und deutlich mehr Tourismus. Das hatte seinen (hohen) Preis –
den erheblichen Verlust an Arbeitsplätzen und an Einwohnern. Im Jahre 1969 hatte
Genua noch 843.000 Einwohner, im Jahre 2003 nur mehr 605.000. Das heißt fast
240.000 Einwohner weniger! Nach Jahrzehnten der Schrumpfung hat die
Einwohnerzahl im Jahre 2003 aber erstmals wieder ein wenig zugenommen. Und die
Arbeitslosenquote hat sich halbiert – auf 7 Prozent.
Die Erneuerung des Zentrums von Genua in den 1990er Jahren unterschied sich von
den großen Beispielen des Stadtumbaus in den 1970er Jahren (etwa in Bologna)
grundlegend: Zugpferd der Revitalisierung war der Umbau und die Umnutzung von
brach gefallenen Flächen der industriellen Ära in Zentrumsnähe zugunsten von
Einrichtungen, die vor allem regionale und überregionale Besucher anlocken
sollten. Genua gelang es, über eine Umgestaltung des aufgegebenen alten Hafens
den unterbrochenen Bezug des Zentrums zum Meer wiederherzustellen. Der nach
Plänen von Renzo Piano aufpolierte alte Hafen wurde so wieder tendenziell ein
attraktiver Teil des Zentrums.
Aber nicht nur der alte Hafen, auch das übrige Zentrum wurde revitalisiert. Nach
jahrelangen Debatten wurde das ruinöse Teatro Carlo Felice nach Plänen von Aldo
Rossi 1991 wieder in Betrieb genommen – ein wichtiges Zeichen für die
Renaissance des Zentrums. Noch bedeutsamer waren die Sanierung des Dogenpalastes
und seine Umnutzung im Jahr 1992 zu einem gewaltigen und spektakulären
Kulturpalast. Neue Museen entstanden, und die stadtbaugeschichtlich bedeutende
Strada Nuova wurde insgesamt zu einer Art Museumsstraße. Zahllose kulturelle
Veranstaltungen – Ausstellungen, Märkte, Kunstdarbietungen, temporäre
Installationen, Musik-Events auf den Altstadtplätzen, im Dogenpalast, in den
Palästen oder am alten Hafen – unterstreichen diese Orientierung. Natürlich
wurden auch in der Altstadt von Genua gewaltige Maßnahmen zur Sanierung der
historischen Bauten mit öffentlichen und privaten Mitteln auf den Weg gebracht –
etwa an der berühmten und populären Via del Campo in der Nähe des Hafens. Solche
Sanierungsmaßnahmen führten zur weiteren Verankerung der Universität im
historischen Zentrum und schufen erneuerten Wohnraum – auch für
Besserverdienende. Parallel zu der kulturellen Aufwertung des Zentrums wurde das
Automobil in seine Schranken gewiesen, der öffentliche Raum wurde verschönert,
und dem Fußgänger wurde mehr Raum, Ruhe und gute Luft verschafft.
Voraussetzung für die Renaissance des Zentrums von Genua war und ist eine breite
Revitalisierungskoalition. Dazu gehört in erster Linie die Stadt Genua, aber
auch der Zentralstaat, der im Zuge der Groß-Events erhebliche Mittel zur
Verfügung stellte, weiter die auch in Genua mächtige Hafenbehörde, die
Universität und schließlich zahlreiche Privatinitiativen.
Genua ist nicht nur zu bejubeln. Es gibt vieles im Detail zu prüfen und einiges
zu kritisieren. Aber Genua steht auch für die Kraft der europäischen Städte zur
Renaissance, wenn die beteiligten Akteure dies wollen, wenn sie zusammenarbeiten
und ein überzeugendes städtebauliches Projekt auf den Weg bringen. Und das in
stadtregionaler Perspektive. Genua zeigt auch eindrucksvoll, dass eine
schrumpfende Stadt ihre Kraft nicht vor allem in Abrissen vergeuden darf,
sondern in der Verbesserung ihrer städtebaulichen Qualität. Über Schrumpfung
wird im Übrigen in Genua nicht geredet und erst recht nicht lamentiert.
Auch Görlitz schickt sich bislang sehr erfolgreich an, Europäische
Kulturhauptstadt 2010 zu werden, gemeinsam mit Zgorzelec. Auch und gerade hier
ist das Thema des stadtregionalen Umbaus eine wichtige Erweiterung der
erfolgreichen Umbaustrategie in der Kernstadt – mit einer grenzüberschreitenden,
europäischen Perspektive. Eine Kulturhauptstadt ist – wie Genua zeigt – mehr als
ein Event, sie hat zunehmend die Dimension des komplexen Stadtumbaus gewonnen.
Inwieweit die Institution Kulturhauptstadt zukünftig zu einer wichtigen
Plattform für den europäischen Diskurs über den stadtregionalen Umbau sein
könnte, wäre zweifellos auch ein Diskussionsthema für den CEU.
CEU – damit möchte ich schließen – ist ein programmatisches Netzwerk mit
praktischer Orientierung. Ein Netzwerk für die Stadt-Renaissance auf allen
räumlichen Ebenen, auf der Ebene des Quartiers, der Stadt, aber eben auch auf
stadtregionaler Ebene. CEU ist eine informelle Institution, die Brücken schlagen
will in Deutschland und in Europa. CEU ist keine Konkurrenz zu bestehenden
Organisationen.
Quellen:
Bollerey/Hartmann in Kleihues, Josef Paul: Berlin-Atlas zu Stadtbild und
Stadtraum – Versuchsgebiet Charlottenburg –. Berlin 1973, S. 62f.
Kleihues, Josef Paul: Die IBA vor dem Hintergrund der Berliner Architektur- und
Stadtplanung des 20. Jahrhunderts. In: Lampugnani, Vittorio Magnago (Hg.):
Schriftenreihe zur Internationalen Bauausstellung Berlin. Die Neubaugebiete.
Dokumente Projekte. Modelle für eine Stadt. Berlin 1984, S. 36
Kleihues, Josef Paul: Die Rekonstruktion der zerstörten Stadt. In:
Internationale Bauausstellung Berlin 1987: Leitfaden. Projekte Daten Geschichte.
Berlin 1984, S. 37
Schlusche, Günter: Die Internationale Bauausstellung Berlin. Eine Bilanz. Berlin
1997, S. 191
Süddeutsche Zeitung, 21.12.1993
Im historischen Zentrum wurden auch Studentenwohnungen untergebracht. Zur
Förderung des Bezugs der im historischen Quartier Sarzano in den 1990er Jahren
untergebrachten Architekturfakultät verzichtete die Universität sogar auf eine
eigene Bar. Vgl. Andrea Buti: La presenza dell’Ateneo nel centro storico: Balbi,
Sarzano, Albergo die Poveri. In: Il recupero del centro storico di Genova.
Firenze 2004, S. 46
Vgl. dazu Alessandro Del Bianco: La qualità degli interventi di ARTE Genova
all’interno del centro stroico. In: Il recupero del centro storico di Genova.
Firenze 2004, S. 8f.
Johannes Fehse
In einer kritischen Passage seines Festvortrages am Abend des
ersten Tages der C.E.U.-Konferenz in Görlitz hat Tom Sieverts
der Gründungs-Charta vorgehalten, dass sie nicht die Brisanz,
Dynamik, visionäre Stärke u.ä. besitze, die beispielsweise das
Kommunistische Manifest ausgezeichnet hat.
Die C.E.U.-Charta will m.E. in der Tat etwas anderes: es geht
darin um den Anspruch, sich gegenseitig über Grundaussagen zu
Stadtplanung und Städtebau zu verständigen, die als neue
Selbstverständlichkeiten des Urbanismus gelten können; es geht
um die Würdigung der (erprobten!) strukturellen Qualitäten des
immer schon Vorhandenen (der Stadt wie der Region) und insofern
um spezifische, differenzierte, europäische Traditionen des
Stadt-(um)baus, um das kritische Aufbewahren des kulturellen
Erbes von lebenswerter Stadt- und Landschaftsausprägung.