Essays/ Kommentare


Deutscher Sprawl und deutscher Wald ...

Harald Bodenschatz

Wenn wir das alles gehört haben, was Barbara Schönig präzise nicht nur zusammengefasst, sondern auch verantwortungsvoll und nüchtern bewertet hat, dann können wir uns zufrieden und selbstgerecht zurücklehnen: Europa ist anders. Unser Euro-Sprawl ist nicht so schlimm, wir haben die Probleme der USA ja nicht. Warum sollten wir uns dann mit den Debatten dort beschäftigen, die doch zuweilen merkwürdige Konturen annehmen, die eben typisch amerikanisch sind. Und wenn wir dann noch die Alternativen zum Sprawl betrachten, die uns dort zugemutet werden, das beleidigt ja unsere europäischen Augen. Da schauen wir lieber schnell weg, da hören wir weg, wir sind sowieso besser!

Für eine solche Haltung gibt es natürlich gute Gründe: Wir haben es bislang geschafft, unseren eigenen Sprawl schön ordentlich zu fassen, mit Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, oder genauer, die erst wieder überschritten werden dürfen, wenn die planerischen Voraussetzungen dafür geschaffen sind. Das klappt zwar nicht überall in Europa, wie wir etwa in Süditalien sehen, aber es klappt doch ganz gut. Eine Folge davon ist, dass auch der Sprawl nicht ganz so flächenfressend in die Breite geht wie in den USA. Sprawl, in Grenzen ordentlich gefasst und mit einer gewissen baulichen Dichte – das sind Merkmale des deutschen Sprawl, die in den USA erst erreicht werden müssen, die dort ein Zwischenziel sind, das uns nur müdes Lächeln abringen kann. Deutschland kennt das schon: den wohlgeplanten Sprawl, der sich nicht wie ein Ölfleck ausbreitet, sondern rhythmisch, Schritt für Schritt, Plan für Plan voranschreitet. Ganz ordentlich. Sprawl light eben. Mit Grenzen, die zwar in der Zeitschiene nie fest sind, aber für eine bestimmte Zeit schon. Ein ordentlicher Sprawl. Worauf wir wirklich stolz sein können. Besonders unsere planerische Zunft.

Es gibt noch einen weiteren elementaren Grund für unsere berechtigte Selbstzufriedenheit: Unser Sprawl ist nicht ganz so energiebasiert wie der amerikanische Sprawl. Das US-amerikanische Sprawlsystem ist von extrem niedrigen Energiepreisen abhängig – von niedrigen Benzinpreisen, die die Mobilitätskosten des Automobils niedrig halten, von niedrigen Strompreisen, die das Air-Conditioning und andere Errungenschaften der Zivilisation zur billigen Selbstverständlichkeit machen. Vor allem in den heißen Staaten des Südens, die von einer besonderen Sprawl-Welle heimgesucht werden. Ein Öl-basierter Sprawl eben, oder genauer, ein Sprawl, der einen niedrigen Ölpreis zur Voraussetzung hat. Wir in Europa dagegen sind nicht ganz so stark vom Öl abhängig, unser Benzinpreis ist erheblich höher, und wir haben unseren öffentlichen Personenverkehr noch einigermaßen erhalten, während dieser in den USA nur mühsam wieder aus den Windeln gehoben werden muss. Außerdem sparen wir brav bei den Benzinkosten für Automobile. Im Vergleich zu den USA können wir stolz auf unseren relativen Öko-Sprawl sein.

Gut dass wir die USA haben, sonst könnten wir vielleicht nicht so zufrieden sein. In der Tat scheint Sprawl in Europa kein großes Problem zu sein: kein Problem für die Gesellschaft, kein Problem der Gesellschaft, kein großes Problem in der Öffentlichkeit, kein großes Problem auch in der Fachöffentlichkeit, kein gemessenes Problem, kein gefühltes Problem. Das zeigt sich etwa sehr schön bei der Rezeption des deutschen Biennalebeitrags, der ja das Thema Sprawl aufgegriffen hat. Zweifellos eine gute Tat. Wenngleich die Botschaft des deutschen Beitrags doch auch ein klein wenig merkwürdig war: Unser deutscher Sprawl, so die Botschaft, sei vor allem ein architektonisches Problem, ein Problem des architektonischen Spießertums, ein Problem, das durch engagierte Avantgarde-Architektur mühelos überwunden werden kann. Wenn nur nicht diese Spießer wären, die den Architekten als Bauherren ihr Leben schwer machen. Falk Jaeger bringt das in seinem Bericht über die diesjährige Architekturbiennale in der Zeitschrift „Der Architekt“ sehr schön auf den Punkt: „Peripherie, das ist (...) der Ort ohne Leidensdruck, ohne soziale Missstände. Eigentlich handelt es sich nur um einen kulturellen Notstand (...).“ (Der Architekt 9-10/2004, S. 18) Dass sich bei einer solchen Wahrnehmung der Blick in die USA verbietet, der Blick in dieses doch ganz offensichtlich kulturlose Land, versteht sich von selbst. Natürlich spricht Falk Jaeger nicht von Sprawl, sondern von Peripherie – das klingt ja auch viel problemloser. Wenngleich doch ein gewaltiges Problem konstatiert wird: die Kulturlosigkeit, oder – um mit den Worten von Falk Jaeger zu sprechen – die Eigenschaftslosigkeit der Peripherie. Was die Peripherie braucht, ist also Kultur, Baukultur, „Alltagsarchitektur in beispielhafter Qualität“, wie das Falk Jaeger folgerichtig fordert. In diesem Punkt unterscheidet sich nun der deutsche Sprawl nicht mehr so sehr vom amerikanischen Sprawl. Insofern erscheint es nur plausibel, den deutschen Sprawl als Amerikanisierung zu begreifen, als Import von Kulturlosigkeit. Ein Problem, dem – so scheint es – mit bewährten Mitteln begegnet werden kann: mit Einfuhrbeschränkungen, mit Handelsmauern, mit der Abwehr dessen, was von drüben kommt.

Lassen wir einmal unser wohlfeiles Feindbild – den amerikanischen Sprawl – beiseite, und fragen nach den Problemdimensionen des deutschen Sprawl. Zunächst fällt auf, dass wir verhältnismäßig wenig über diesen besonderen Typ des Sprawl zu wissen scheinen – das zeigt ja nicht zuletzt der diesjährige Blick auf die Architekturbiennale in Venedig. Peripherie, Zwischenstadt, Umland – das sind wohlfeile Begriffe, die auf den ersten Blick keine Problemdimension vermitteln, die sehr statisch sind – ganz im Gegensatz zum amerikanischen Begriff Sprawl, der die Dynamik des Phänomens anklingen lässt und zugleich eine kritische Dimension enthält. Aber wissen wir wirklich so wenig? In der Tat haben wir einen einzigartigen Think Tank, einen staatlichen Think Tank auf Bundesebene, das BBR, das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, das zahllose Untersuchungen und Berichte über alle möglichen Dimensionen des Sprawl vorgelegt hat und weiterhin vorlegt. Wenngleich in gebotener wissenschaftlicher Zurückhaltung, ohne politische Zuspitzung. Nicht das Fehlen von Wissen ist unser Problem, sondern die verblüffende Tatsache, dass wir das vorhandene Wissen weitgehend ignorieren. Die Dynamik unseres Sprawl ist wohlbekannt. Wir verbrauchen zur Zeit etwa 90 Hektar am Tag für neue Siedlungsflächen, für Wohnsiedlungen, Gewerbegebiete, Shopping-Center usw. Damit stehen wir, so heißt es, mit an der Spitze in Europa. „Unsere Nachbarländer“, so vermeldet der Tagesspiegel am 10.11.2004, „sind da viel zurückhaltender.“ „Flächenfraß“ – so nennt der Tagesspiegel diese Entwicklung. Das könnte an unserem Selbstbewusstsein rütteln, die ökologische Speerspitze in Europa zu sein, tut es aber offensichtlich nicht. In der Tat ist dieser Tagesverbrauch auch etwas weniger als noch vor einigen Jahren. Dennoch ist er schon verblüffend – in einem Land, dessen Wirtschaft nicht gerade boomt und dessen Bevölkerung auch nicht explodiert. Ein Land, das dauernd und mit höchstem Jammerton von Schrumpfung redet, hinsichtlich des Baulands aber unbeirrt Wachstum realisiert. Von außen schaut vor diesem Hintergrund Deutschland gar nicht so grün, so ökologisch aus, wie wir uns selbst gerne sehen.

Und wie sieht es mit unserem Energiekonsum aus? Wir sparen zwar fleißig an Energie, durchaus mit Erfolg. Dieser Erfolg zeigt sich etwa daran, dass wir in manchen Sektoren wachsen können, ohne dass der Energiekonsum dramatisch wächst. Etwa im Bereich der privaten Mobilität, beim Benzinverbrauch. Dennoch sind wir von einer Energiewende meilenweit entfernt, wir sind wie die USA von den großen, starren Energieerzeugungssystemen abhängig, von Energiesorten, die sich mittelfristig erschöpfen. Von Energiepreisen, die letztlich nur durch eine imperiale Kontrolle der Welt durch die Energieverschwendungsländer vorübergehend aufrechterhalten werden können. Von Preisen, die letztlich zu niedrig sind und von unseren Kindern bezahlt werden müssen. Von einer Kontrolle, deren Folgekosten wir bereits heute zu spüren beginnen. Darauf hat erst kürzlich Hermann Scheer, Träger des alternativen Nobelpreises 1999 und Mitglied des Bundesvorstands der SPD, auf der Tagung „Schrumpfung als Chance“ am 24.11.2004 hier an der TU Berlin eindringlich hingewiesen. Klaus Töpfer, Christdemokrat, engagierter und Respekt verdienender Direktor des UN-Umweltprogramms, hat diese Verhältnisse kürzlich in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung wie folgt handlungsorientiert zusammengefasst: „Die Energiepreise müssen mittel- und langfristig voraussehbar steigen. Unter Berücksichtigung der externen Kosten muss Mobilität teurer werden. Dann können die ökonomisch Handelnden zum Beispiel kalkulieren, ob sich der Kauf eines billigeren Hauses auf dem Land gegenüber den höheren Mobilitätskosten rentiert. Die billige Energie hat erheblich zu der Zersiedelung unserer Erde beigetragen.“ (Süddeutsche Zeitung 24.11.04)

Dies ist nun eine ganz andere Dimension der Argumentation und des Problembewusstseins. Töpfer spricht nicht von Peripherie, sondern von Zersiedelung. Er spricht nicht von Naturschutz, sondern von Menschenschutz. Er spricht nicht von Ökologie, sondern von Ökonomie. Und er spricht von externen Kosten. All das ist sicher nicht neu, es ist aber nicht in breiter Front in unsere Fachdiskussion vorgedrungen. Man betrachte nur die Fachzeitschriften, man betrachte den deutschen Beitrag zur Architekturbiennale. Töpfers Appell ist letztlich eine Warnung, eine Warnung davor, noch den letzten Schwellenhaushalt mit Hilfe von Subventionen in die Zwischenstadt zu locken. Und zwar nicht nur aus Rücksicht auf eine wie auch immer geartete Natur, sondern im Eigeninteresse des Schwellenhaushalts. Auch nicht deswegen, weil es in der Stadt so schön kuschelig ist. Es geht heute nicht mehr darum, dem Schwellenhaushalt irgend etwas vermiesen zu wollen, ihn zu seinem glücklichen Stadtleben zu zwingen, sondern es geht darum, deutlich zu machen, dass seine Entscheidung, gefördert durch öffentliche Hilfen, langfristig eine Fehlentscheidung sein könnte. Eine potentielle Fehlinvestition. Eine Entscheidung, die wegen der sich ändernden Rahmenbedingungen ökonomisch riskant ist und letztlich den Nachkommen Probleme beschert. Probleme, die nicht nur ihn und seine eigenen Nachkommen betreffen, sondern die ganze Gesellschaft. Sprawl bedeutet überproportionalen Zuwachs an stadttechnischer und Verkehrsinfrastruktur. Und damit zusätzliche Kosten, die bei einer schrumpfenden Bevölkerung immer weniger Bürger aufbringen müssen. Und zwar nicht nur bei den Zuwächsen, sondern auch bei der Instandhaltung, Instandsetzung und Modernisierung des gesamten wachsenden Netzes. Und dies bei abnehmenden staatlichen Ressourcen. Ganz abgesehen von der Frage, welche Perspektiven die alternde Bevölkerung im Sprawl haben wird – hinsichtlich ihrer alltäglichen Versorgung, aber auch hinsichtlich der finanziellen Sicherheit einer Investition in eine Sprawl-Immobilie im Alter.

Dies ist nun interessanterweise nicht so sehr ein Argument seitens der Architekten und Planer, sondern vor allem ein Mahnruf seitens der Nachhaltigkeitsspezialisten. Wie Sie wissen, hat unsere reformfreudige Bundesregierung dankenswerterweise einen Rat für Nachhaltige Entwicklung eingesetzt. Und dieser Rat hat – untersetzt mit einer Fülle von Argumenten – die Zielsetzung formuliert, den gegenwärtigen opulenten Flächenverbrauch drastisch zu drosseln – bis hin zu einem Tagesverbrauch von nurmehr 30 Hektar. Dieser Ruf des Rats für Nachhaltige Entwicklung wurde – man höre und staune – von der Fachwelt durchaus vernommen. Wer die letzte Bauwelt aufgeblättert hat, wird als Leitartikel einen Bericht über die Tätigkeit des Rats für Nachhaltige Entwicklung finden – allerdings unter dem etwas sonderbaren Titel: „Stillstandsbericht 2004“. Man könnte bei dieser Überschrift meinen, der Rat wird als Bremser des baulichen Fortschritts gebrandmarkt. Dies ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil: Ulrich Brinkmann, Redakteur der Bauwelt, spricht von den „Betonschädeln“ der Bauindustrie, an denen die Forderungen nach Nachhaltigkeit abprallen. Und weiter: In den Schlussfolgerungen des Fortschrittsberichts 2004 der Bundesregierung, „ganz am Ende, ist nur noch die Rede davon, dass alle Vorschläge unter Berücksichtigung ihrer ‚sozialen, wirtschaftlichen und finanziellen Wirkungen ... weiter geprüft werden müssen. (...) Solange die Regierung dessen (des Nachhaltigkeitsrats) Empfehlungen vielleicht zur Kenntnis nimmt, nicht aber Konsequenzen daraus zieht, ist die Runde nicht mehr als eine Schmuckbrosche an des Kanzlers Brust.“ (Bauwelt 46/2004, S. 11)

Dass die Fachwelt dieses Thema aufzunehmen beginnt, zeigt auch eine der seltenen Entschließungen der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Auf ihrer Herbstversammlung mahnte die DASL die Vertreter der Politik auf europäischer, Bundes- und Landesebene: „Lasst Worten endlich Taten folgen für einen nachhaltigen Stadtumbau“. Konkret wird gefordert: „Radikale Umgestaltung der Eigenheimzulage“, „Grundlegende Veränderung der Pendlerpauschale“ (Entschließung der Akademieversammlung 2004, unterzeichnet von Prof. Dipl.-Ing. Christiane Thalgott, Präsidentin der DASL, am 02.10.2004) Auch wir hier im Hause haben das Thema auf breiter Front aufgegriffen. Erinnert sei daran, dass auf der Tagung „Perspektive Landschaft. 75 Jahre Lehre und Forschung“ am 27.11.2004 das Thema der Zwischenstadt einen großen Raum eingenommen hat. Die wachsende Bedeutung des Themas zeigt sich weiter an der Zunahme von Forschungsprojekten in diesem Feld. Und sie zeigt sich selbstverständlich an dem Ladenburger Kolleg Zwischenstadt, in dessen Rahmen auch unsere Forschung möglich war.

Dass auch die Medien auf das Thema aufmerksam werden, unterstreicht ein kürzlich veröffentlichter Bericht des STERN (46/2004). Dort heißt es unter dem reißerischen Titel „Land unter“: „Nirgendwo in Europa werden Feld, Wald und Wiesen so schnell zubetoniert wie in Deutschland. Die Siedlungswut ist eine Folge falscher Politik. Schuld trägt auch die umstrittene Eigenheimzulage“. Beton statt Feld, Wald und Wiesen – damit wird das Thema für ein deutsches Mittelschichts-Publikum süffig gemacht. „Siedlungswut“, aber auch „Flächengier“ dramatisieren den Begriff Zersiedelung. Laut Umweltbundesamt, so der Bericht des STERN weiter, „muss die öffentliche Hand für die Folgen des Baubooms bis zu 30 Milliarden Euro im Jahr aufbringen. Das Geld geht drauf für Infrastruktur, neue Straßen oder Hochwasserschutz. Staatliche Subventionen beschleunigen den Wildwuchs noch.“ Dann kommt der Hinweis auf die Eigenheimzulage, die sich der Staat mit jährlich gut 10 Milliarden Euro kosten lässt, und auf die Pendlerpauschale, die jährlich 6 Milliarden Euro kostet. Schließlich wird die kommunale Konkurrenz in den Stadtregionen angesprochen, die den „Landschaftsverbrauch“ fördere, oft unterstützt durch Mittel der Bundesländer. Ein fatales System, das seit den 1950er Jahren seine Wirkungen zeigt: „Seit 1950 wächst in Deutschland die genutzte Fläche – ob durch Straßen, Häuser oder Fabrikanlagen – schneller als die Bevölkerung.“ Und weiter: „’In keinem europäischen Land ist seit dem Zweiten Weltkrieg so viel Land verbraucht worden wie bei uns’, sagt Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu).“

Warum ist es heute so schwierig, dieses Thema zu einem politischen Gegenstand zu machen? Eine Antwort ist sicher die politische Brisanz dieses Themas. Unsere aktuelle räumliche Lebensweise ist sehr abhängig von Subventionen und billigen Energiepreisen. Jedes Rütteln an diesen Themen provoziert – so scheint es – gewichtige Teile der Wirtschaft, jedes Rütteln verunsichert aber auch breite Wählerschichten, und diese Verunsicherung schlägt auf diejenigen zurück, die solche Themen ins Spiel bringen. Pendlerpauschale und Eigenheimzulage sind solche Themen, die man lieber dem politischen Gegner überlässt, als selbst darunter zu leiden. Obwohl es den Verantwortlichen klar ist, dass diese Megasubventionen nicht zu halten sind. So hat bekanntlich die Union im Bundesrat die Abschaffung der Eigenheimzulage wieder einmal blockiert. Aber eher aus taktischen Gründen. „Schon vor der Bundesratssitzung“, so weiß der Tagesspiegel zu berichten, „hatten Unionspolitiker deutlich gemacht, dass die Eigenheimzulage auf Dauer keinen Bestand haben wird. ‚Ich gebe hier keine Ewigkeitsgarantie’, sagte etwa der bayerische Staatskanzleichef Erwin Huber (CSU). Die Union plant, die Zulage im Rahmen ihrer Steuerreform abzuschaffen oder zu reduzieren, um so finanziellen Spielraum für die Senkung der Steuersätze zu gewinnen.“ (Tagesspiegel 27.11.2004)

Nun könnte man erwidern, die Eigenheimzulage spielt ja gar keine wichtige Rolle bei der Zersiedelung. Das habe doch der „Bericht zur Inanspruchnahme der Eigenheimzulage in den Jahren 1996-2000“ des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung gezeigt, den die Arbeitsgruppe „Wirkungsanalyse Eigenheimzulage“ des Ausschusses für Wohnungswesen der ARGEBAU im September 2002 vorgelegt hat. Dort kann man nachlesen, „dass die oftmals in der öffentlichen Diskussion vertretenen monokausalen Wirkungszusammenhänge zwischen Wohneigentumsförderung und räumlicher Entwicklung so nicht belegbar sind.“ (S. 16) Ganz in diesem Sinne heißt es daraufhin – etwas lobbymäßig verschlankt – im Immobilienteil der Welt vom 10.10.2002: „Expertenurteil: Eigenheimzulage muss bestehen bleiben. Wirkungsanalyse des Bundesamtes für Bauwesen fällt uneingeschränkt positiv aus.“ Was heißt aber: „so nicht belegbar“? Und was heißt: „uneingeschränkt positiv“? Das heißt, etwas nüchterner ohne Lobbybrille betrachtet, dass die „räumliche Verteilung auf Kreis- und Gemeindeebene (...) ein sehr heterogenes Bild“ zeigt (Pressemitteilung des BBR, 08.11.2002), dass keineswegs alle Fördermittel die Zersiedelung durch Neubau stärken, sondern nur ein Teil davon. Aber immerhin ein Teil, mit in manchen Regionen sehr negativen Folgen. Dies wiederum wird im Bericht auch unmissverständlich hervorgehoben. So heißt es etwa für die neuen Bundesländer in dem typisch trockenen Ton der Regionalforschung: „In den neuen Ländern zeigen sich für die Inanspruchnahme der Eigenheimzulage deutlichere räumliche Muster. Vor allem in den Umlandkreisen der größeren Städte (...) wird die Grundförderung überproportional in Anspruch genommen (...). Dazu gehören die Kreise um Berlin sowie einige Kreise um Leipzig. Eine Analyse auf Gemeindeebene macht deutlich, dass die Neubauförderung vor allem in die angrenzenden Kommunen im sog. Speckgürtel der Kernstädte geflossen ist. Hier ist ein eindeutiger Suburbanisierungsprozess im Kontext der Wohneigentumsbildung erkennbar, deren Folge die erhöhte Inanspruchnahme der Eigenheimzulage ist. Ähnliches ist auch bei anderen Kernstädten der neuen Länder (z.B. Rostock, Schwerin, Magdeburg, Berlin, Halle, Leipzig, Cottbus) zu beobachten.“ (S. 18)

Die Drosselung des Sprawl auf 30 Hektar pro Tag ist zweifellos ein anspruchsvolles Ziel, vor dem die Politik ganz offensichtlich noch zurückschreckt. Was aber bedeutet das konkret? Zunächst müssen diejenigen Rahmenbedingungen, die den Sprawl fördern, verändert werden. Dafür gibt es, wie schon angedeutet, eine Vielzahl an Vorschlägen: Abschaffung der Pendlerpauschale, Umgestaltung oder Abschaffung der Eigenheimzulage, Veränderung oder Abschaffung der Pendlerpauschale, Modifikation der Grundsteuer in Richtung stärkere Belastung von neu ausgewiesenem Bauland usw. Das bedeutet sicher auch eine Stärkung der Kooperation und des Solidarausgleichs auf der Ebene der Stadtregion. Das bedeutet zunächst auch eine bessere Vernetzung der verschiedenen Akteure, die sich für eine nachhaltigere Entwicklung einsetzen. Dies wiederum ist ein ganz zentraler Punkt, bei dem wir von den Erfahrungen in den USA lernen können, von den zahlreichen Netzwerken, denen es gelungen ist, unterschiedliche Gruppen und damit auch unterschiedliches Wissen, unterschiedliche Argumente und unterschiedliche zivilgesellschaftliche Initiativen zu bündeln. Und der es gelungen ist, das Thema zu einem wichtigen öffentlichen Thema, zu einem politischen Thema zu machen.

Die Orientierung auf ein griffiges Ziel wie das 30-Hektar-Ziel ist außerordentlich hilfreich. Sie entlässt allerdings unsere Fachwelt, die Expertinnen und Experten für Architektur, Städtebau, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur nicht aus der Verantwortung, auch danach zu fragen, wie denn die Drosselung im Detail räumlich gestaltet werden kann, und insbesondere auch: wie denn der bereits vorhandene Sprawl nachgebessert werden kann, oder – wie man heute so schön sagt – qualifiziert werden kann. Vielleicht sogar, ob er nicht an der einen oder anderen Stelle zurückgebaut werden kann. Gefragt muss weiter und immer eindringlicher, wie das Wohnen, Arbeiten und Erholen in den kompakten Städten wieder attraktiver gemacht werden kann – eine zentrale Voraussetzung für die Drosselung des Sprawl. Unsere regionale Nachhaltigkeitsdebatte ist immer noch sehr von einer rein quantitativen, zweidimensionalen Sicht geprägt, während die dritte Dimension oft ohne jeden Bezug zu dieser Debatte verplant wird. Ich denke, in dieser Frage sind wir noch sehr am Herumtappen, wie nicht zuletzt auch der sehr ambitionierte deutsche Beitrag auf der Biennale gezeigt hat. Auch in dieser Frage hilft uns der Blick über den Atlantik – und zwar nicht so sehr hinsichtlich der konkreten baulichen und städtebaulichen Formen, die dort gebaut werden, sondern vor allem hinsichtlich der notwendigen Integration der Qualifizierung des Sprawl in ein übergreifendes Konzept für die gesamte Stadtregion. Auch hinsichtlich der Adressaten von Konzepten, die gerade im Bereich der Zwischenstadt vor allem große private Investoren sind. Im Übrigen auch Teile der produzierenden Wirtschaft, die an einem solchen Diskurs interessiert sind. Dazu gehören auch Unternehmen der Automobilindustrie.

Wie sehr der Blick in die USA auch in den Fragen der Gestaltung des Sprawl nützlich ist, zeigt die von Barbara Schönig beschriebene Dimension des Sprawl Supreme. Die Rede vom Sprawl verdeckt nur allzu leicht die qualitativen Veränderungen, die der Sprawl zur Zeit erfährt. Veränderungen im Bestand, d.h. die partielle Entwertung von Bestandteilen des Sprawl aus den 1950er und 60er Jahren. Veränderungen aber auch im Neubau, etwa in der Wohnlandschaft. Veränderungen weg von einer eher auf homogenes Wohnen, homogene Arbeit und homogene Freizeit orientierten Suburbanisierung, einer fordistischen Suburbanisierung, wenn man so will, hin zu Ansätzen einer neuen, postfordistischen Suburbanisierung, die auf eine Ausdifferenzierung von Lebensstilen orientiert. Die massenhafte Wiederholung eines oder weniger schlichter baulicher Typen, wie wir es exemplarisch noch heute in Levittown erleben können, werden heute von differenzierten Lifestyle-Suburbs und adressatenspezifischen Unterhaltungskomplexen abgelöst. Diese Differenzierungen unterliegen aber wiederum einer rigiden Kontrolle. Wer in postfordistischen Suburbs lebt, kann sich durch die Gestalt seiner Adresse sozial von den Bewohnern der Nachkriegssuburbs distanzieren. Und gerade bei Nachkriegssuburbs sind Wertverluste und Niedergangserscheinungen zu beobachten, die wir bislang nur mit den Downtowns assoziiierten. Die Antisprawlbewegung fördert programmatisch beides: den Kampf gegen den Sprawl und die Durchsetzung postfordistischer, d.h. oft auch privilegierter Siedlungsweisen. Praktisch erschöpft sie sich nur allzu oft in der zweiten Stoßrichtung. In Deutschland sind diese komplexen Entwicklungen nur in Keimform zu beobachten. Dies wird sich aber ändern, wenn, wie zu erwarten, nunmehr größere Bestände der schlichten Nachkriegssuburbs in heute weniger attraktiver Lage auf den Markt kommen (vgl. Matthias Schönert: 20 Jahre Suburbanisierung der Bevölkerung. In: Raumforschung und Raumordnung 6/2003, S. 458). Nicht nur in Stadtregionen mit schrumpfender Bevölkerung wird der Verkauf nicht leichter werden. Was aber werden wir tun, wenn größere Bestände in der Zwischenstadt für längere Zeit leer stehen werden?

Damit komme ich zum Schluss. Auch der deutsche Sprawl, darüber besteht wachsender Konsens, ist ein gravierendes gesellschaftliches Problem. Er muss gedrosselt werden. Dafür müssen die Rahmenbedingungen verändert werden, die den Sprawl fördern. Das heißt etwa: Subventionen abbauen, Bauen auf der sog. grünen Wiese verteuern, insbesondere aber das Leben in den Städten attraktiver machen. Die Veränderungen der Rahmenbedingungen muss aber von einer städtebaulichen Qualifizierung begleitet werden. In der Zwischenstadt wie in der kompakten Stadt, in der gesamten Stadtregion. Städtebauliche Qualität wird immer mehr auch zu einem Faktor der Nachhaltigkeit, auch zu einem Faktor der ökonomischen Vernunft. Es muss aber darum gerungen werden, dass sie nicht oder wenigstens nicht allzu krass zu einem sozialen Diskriminierungsfaktor wird, wie in besonders Masse in den meisten Städten der sog. Dritten Welt, wie zumeist auch in den USA. Diese Forderungen richten sich nicht nur an die Politik, sondern auch an die Privatinitiative, an die private Wirtschaft wie an zivilgesellschaftliche Initiativen. Dieses Paket an Forderungen wäre vor Übertreibungen zu schützen: Ziel kann es nicht sein, Suburbia überhaupt abzuschaffen, Vorstädte waren immer Teil auch der europäischen Stadt, und eine solche Forderung wäre gänzlich unrealistisch. Ziel muss es aber sein, nicht nur die Quantität des Sprawl, sondern auch die gegenwärtige Form von Suburbia, die ja noch nicht einmal 50 Jahre alt ist, zu verändern. Und dies in einer Perspektive der Stadtregion, nicht in einer polarisierenden Perspektive Zwischenstadt versus kompakte Stadt. Damit all diese Forderungen überhaupt wahrgenommen werden, ist es dringend erforderlich, das vorhandene Wissen, die vorhandenen Forderungen, die vorhandenen zivilgesellschaftlichen Initiativen gegen den Sprawl zu vernetzen. Das ist nicht nur eine einfache Addition. Im Prozess dieser Vernetzung muss es gelingen, die Forderungen zielgenauer zu formen. Zur Diskussion all dieser Forderungen ist der Blick über den Atlantik hilfreich. Nicht um die USA zu kopieren, sondern um von den dortigen Erfahrungen zu lernen. Wir danken der Gottlieb Daimler und Karl Benz-Stiftung, dass sie der Diskussion all dieser Fragen mit der Einrichtung eines Ladenburger Kollegs einen noblen und stabilen Rahmen bereitet hat, wir danken Thomas Sieverts, dass er das Ladenburger Kolleg so gestaltet hat, dass wir bei der Diskussion all dieser Fragen vorangekommen sind.
 

 

 

 

 

 

 


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