Vorbemerkungen
Meine (subjektiven) Überlegungen beziehen sich darauf, in welcher Form das c.e.u.
und ein Forschungsinstitut wie das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu)
miteinander in der Sache produktiv werden können.
Vorab einige Anmerkungen zum Institut: Im Difu, einer gemeinnützigen
Forschungseinrichtung der deutschen Städte, werden wissenschaftliche
Erkenntnisse vor allem für die kommunale Praxis erarbeitet, aufbereitet und
evaluiert. Dabei handelt es sich um die Produktion von Orientierungswissen
(identifizieren und systematisieren neuer Erfahrungen und Entwicklungstrends)
und Handlungswissen (recherchieren und analysieren von Projekten und
Handlungsstrategien in den verschiedenen Politikfeldern, Abschätzung und
Bewertung von Folgen) sowie um die Organisation von Informationstransfer und
Erfahrungsaustausch.
Das Institut ist auf Interdisziplinarität ausgerichtet, das heißt, auf die
Zusammenarbeit und Integration aller einschlägigen Professionen. Seit Ende der
1990er Jahre hat das Institut Erfahrungen bei der Durchführung neuer großer und
interdisziplinärer Projekte gewonnen, beispielsweise im Rahmen des
Ideenwettbewerbs und Forschungsverbunds „Stadt 2030“, dem Städtewettbewerb
Multimedia MEDIA@komm, der Programmbegleitung und Bundestransferstelle zum
Ergänzungsprogramm der Städtebauförderung „Soziale Stadt“.
Herausforderungen für Städtebau und Stadtentwicklung
Zu den zentralen Herausforderungen für Städtebau und Stadtentwicklung und damit
sowohl für die Arbeit des Difu als auch für Aktivitäten des c.e.u. gehören neben
den Effekten von Internationalisierung und Globalisierung (der Arbeits-, Finanz-
und Immobilienmärkte), der EU-Einflüsse sowie der demographischen und
technologischen Entwicklungen die Folgenden:
▪ soziale und räumliche Spaltung der Städte (in ihrer Wirkung noch verstärkt
durch das besondere Problem der Schulsegregation) und damit verbunden eine
Image-Zonierung in den Städten;
▪ Steuerungs- und Legitimationsverluste (fiskalische Krise, sinkende
Wahlbeteiligung, schwindende Gemeinwohlorientierung, Rückzug öffentlicher
Bauherrn, Ökonomisierung und Privatisierung des Städtebaus);
▪ Angewiesenheit auf Zuwanderung und damit weitere „Heterogenisierung“ der
Bevölkerung bei bisher schon massiven Defiziten der sozialen und kulturellen
Integration;
▪ Ausrichtung auf verstärktes zivilgesellschaftliches Engagement, Selbsthilfe
und Beteiligung bei gleichzeitiger Ressourcenknappheit (für Personal,
Fortbildung usw.), um entsprechende Aktivitäten und Prozesse zu unterstützen.
Vor diesem Hintergrund ergeben sich neue Gewichte für inhaltliche und
strategische Handlungsfelder, um dem Ziel einer nachhaltigen Stabilisierung und
Verbesserung von Raumqualitäten und Lebensverhältnissen näher zu kommen:
Inhaltlich:
▪ das neu zu definierende Verhältnis von Stadt und Landschaft: Vernetzung von
Grün- und Freiflächen, Qualifizierung der öffentlichen Räume, Umgang mit brach
gefallenen Flächen und neue Formen temporärer Nutzungen;
▪ Bestandssicherung und -entwicklung: Entwicklung vorausschauender realistischer
Nutzungs- und Gestaltungskonzepte, reformierte Denkmalpflege zur Sicherung des
baulichen, städtebaulichen und gartenkulturellen Erbes (Zulassung neuer
Nutzungen bei vertretbaren Eingriffen);
▪ Bedarfsanpassung und Modernisierung der sozialen und technischen
Infrastruktur.
Strategisch:
▪ stärkere Berücksichtigung von temporären Problemlösungen (Zwischennutzung,
Baurecht auf Zeit), modellhaften und experimentellen Ansätzen;
▪ Entwicklung kooperativer Lösungsmodelle, Beteiligung aller einschlägigen
Disziplinen und Professionen, Berücksichtigung von Managementstrategien,
stärkere Umsetzungsorientierung bei transparenten Prioritätensetzungen;
▪ Bemühungen um neue Akteurs-/Trägerkonstellationen und Partnerschaften;
▪ stärkere Beachtung von Evaluierung und Monitoring als Instrumenten des
Qualitätsmanagements und der Politiksteuerung.
Ganz besonderes Gewicht ist darauf zu legen, dass gebietsbezogene und
gesamtstädtische (auch regionale) Konzepte und Maßnahmen stärker aufeinander
bezogen werden, um zu verhindern, dass Konzepte und Maßnahmen auf der einen
räumlichen Ebene kontraproduktiv zur anderen wirken.
Umsetzung der c.e.u.-Charta
Zur Umsetzung von Prinzipien und Qualitätskriterien der c.e.u.-Charta in
Deutschland ist vor allem der Aufbau eines Netzwerks erforderlich, in das
stärker als bisher neben den Disziplinen Städtebau, Architektur, Stadt- und
Landschaftsplanung auch Fachleute aus anderen zentralen Bereichen der Urbanistik
(Ökonomie, Ökologie, Kultur, Immobilienwirtschaft usw.) eingebunden sind.
Der Wissensstand zu den Themen Städtebau und Baukultur weist noch deutliche
Lücken auf, die es im Theorie-Praxis-Verbund zu schließen gilt: beispielsweise
zum Qualitätsverständnis, zum Wandel der Akteursrollen, zur Veränderung der
technischen, ökonomischen und sozialen Einflussgrößen sowie zur
Leistungsfähigkeit von Verfahren. Insbesondere wird es darum gehen,
▪ die Qualitätsdebatte zu intensivieren und zu präzisieren, das heißt, am
konkreten Beispiel von – im Sinne der Charta – „guten Projekten“ Positionen zum
Qualitätsverständnis zur Diskussion zu stellen, Qualitätsstandards unter
Berücksichtigung gemeinwohlorientierter Komponenten (wie z.B. lokale und
regionale Identität, Nachhaltigkeit, Geschichtsbewusstsein) zu entwickeln;
▪ realisierte Projekte, das heißt Produkte der Planungs- und Entwurfsarbeit
daraufhin zu untersuchen, ob und wie sie sich in der alltäglichen Nutzung
bewähren, wie sie wahrgenommen werden (Akzeptanz);
▪ Architektur-, Städtebau- und Stadtentwicklungsthemen als Bestandteile
kultureller Bildung zu etablieren, das heißt diese Themen in Institutionen der
Aus- und Fortbildung einzubinden (Informationstransfer in Schulen, Beteilung an
öffentlicher Meinungsbildung);
▪ aufgabenadäquate Verfahrensstrategien (kooperativ, konkurrierend, diskursiv)
zur Generierung, Planung und Umsetzung von Projekten zu entwickeln und zu
etablieren;
▪ auf Ausbildungsinhalte einzuwirken und notwendige Reformen argumentativ und
projektbezogen zu unterstützen.
Dezember 2004