Constanze Bütterlin
Die lebendige Auseinandersetzung mit der Geschichte einer Stadt trägt wesentlich zum Verständnis für die jeweilige Besonderheit und damit zur Identifikation mit dem Ort bei. Eine verantwortungsvolle Stadtentwicklungspolitik muss sich ihrer Wurzeln bewusst sein, um daraus Entwicklungslinien für die Zukunft zeichnen zu können.
Ministerpräsident Matthias Platzek drückte dies bei der Eröffnung des Museums Fürstenwalde mit den Worten aus: „Zukunft braucht Herkunft“. Diesen Gedanken wollen wir aufgreifen und zeigen, wie Stadtentwickler, Museumsfachleute und Ausstellungsgestalter gemeinsam an dem neuen Museum in Fürstenwalde gearbeitet haben und wie dabei die Neugestaltung des Museums zu einem Motor für die Stadtentwicklung geworden ist.

Fürstenwalde hat seine Verantwortung für den Umgang mit seiner Geschichte bereits vor Jahren erkannt und positioniert sich als „Alte Stadt an neuen Ufern“. Das neue Museum ist konsequenterweise nicht nur ein attraktives Freizeitangebot, sondern leistet auch einen nachhaltigen Beitrag, um das Geschichtsbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger für ihre Stadt wachzurufen bzw. zu vertiefen. Es thematisiert Geschichte des Ortes, zeigt sowohl Besonderheiten als Kostbarkeiten der Stadt und erweckt das Verständnis für ihre Entwicklung, Gegenwart und Zukunft.
Die besondere Verantwortung im Umgang mit dem historischen Erbe spiegelt sich auch im Leitbild der Stadt, welches 2007 von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen wurde. Darin heißt es u. a.:
„Unsere Stadt – lebenswert für Generationen“.
Mit diesem Leitsatz wird ausdrücklich nicht nur die nachhaltige Verantwortung für gegenwärtige und zukünftige Generationen, sondern auch der respektvolle Umgang mit der Geschichte in den Kern der Stadtentwicklungspolitik gestellt.
Seit Beginn der 90er Jahre werden in Fürstenwalde intensiv die Ziele der Stadtentwicklung diskutiert. Wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte werden integriert betrachtet, um Chancengleichheit und Nachhaltigkeit zu gewährleisten und verschiedene städtebauliche Defizite zu beseitigen. Mit dem ersten Stadtentwicklungskonzept wurde im Jahr 1998 dieser Prozess erstmals umfassend dokumentiert.

Bereits seit der politischen Wiedervereinigung wurde als oberste Priorität der Stadtpolitik konsequent an der Schaffung eines neuen, belebten Stadtzentrums gearbeitet. Das historische Zentrum von Fürstenwalde bildet der Dom St. Marien mit seinem Umfeld. Seit dem 14. Jh. teilte er das Schicksal der Stadt und ihrer Bürger. Die letzten Schlachten des Zweiten Weltkrieges richteten in Fürstenwalde verheerende Schäden an. Im April 1945 versank die Innenstadt in Schutt und Asche. Nur noch 3,1% der ehemaligen Bausubstanz im Herzen der Stadt blieb unbeschädigt.
Bei dem Wiederaufbau in der DDR lag das Augenmerk auf der Errichtung von Wohngebieten und dem Wiederaufbau der einst blühenden Industrie. Fürstenwalde als traditionsreiche Garnisonsstadt wurde zudem ein großer Standort der Roten Armee. Bis zu 20.000 Mann waren hier stationiert. Große Gebiete der Stadt waren deshalb militärischer Nutzung vorbehalten. Das einstige Stadtzentrum mit Dom und Altem Rathaus blieb zunächst weitgehend Ruine, bis in den 60er Jahren auf Initiative von heimatverbundenen Fürstenwaldern mit der Sicherung und Sanierung begonnen wurde. Dennoch war Fürstenwalde ohne einen städtebaulichen und kulturellen Mittelpunkt.
Erst mit der deutschen Wiedervereinigung eröffneten neue Rahmenbedingungen und der Abzug der Armee neue Perspektiven für die Stadtentwicklung. 520 ha ehemaliges Militärgebiet wurden freigezogen und gingen an das Land Brandenburg über. Der Dom wurde 1995 wieder eingeweiht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Stück für Stück erstand das Stadtzentrum wieder als lebendiger Ort von Handel und Wandel. Die positive Entwicklung der Innenstadt konnte durch den Einsatz von Städtebaufördermitteln wesentlich vorangetrieben werden. Von 2000 – 2007 erhielt die Stadt zusätzlich finanzielle Unterstützung aus dem Förderprogramm „Zukunft im Stadtteil – ZiS 2000“. Damit finanzierte der Europäische Fond für regionale Entwicklung (EFRE) und das Land Brandenburg 80% der Ausgaben zur Aufwertung des Stadtzentrums. Die Stadt schulterte 20% der Lasten.
Eines der zentralen ZIS-Projekte (neben der Revitalisierung des Spreeufers) war die Aufwertung des Dombezirks als einstiger Lebensmittelpunkt der Stadt. Wesentliche Impulse hierfür waren bereits durch die Sanierung des Doms und die Umnutzung eines ehemaligen Brauereigebäudes zur städtischen Kulturfabrik gegeben. Bei letzterem handelte es sich um ein verwahrlostes, doch denkmalgeschütztes Gebäude, das für keinen Investor attraktiv war. Etappenweise wurde die Kulturfabrik zum soziokulturellen Zentrum der Stadt ausgebaut und bietet heute verschiedenen Kultureinrichtungen für alle Altersgruppen Platz. Neben dem vielfältigen Spektrum von Veranstaltungen und Ausstellungen gehören zur Kulturfabrik der Frauenladen, der Kinderladen, das Jugendzentrum "Club im Park" und Künstlerische Werkstätten. Auch die Stadtbibliothek ist hier beheimatet.
Durch einen städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerb wurden hervorragende Ideen für die Neugestaltung des Domumfeldes in Anknüpfung an die historischen Gegebenheiten generiert und im Laufe der Jahre durch Mittel aus der Städtebauförderung und dem ZIS-Programm konsequent umgesetzt.
Heute ist das Domumfeld wieder zum Herzen der Innenstadt geworden und erscheint im neuen Glanz. Es verfügt über einen Konzertgarten vor der Kulturfabrik, den neuen Domplatz, den Domgarten und eine Freianlage an der erhaltenen Stadtmauer als „Schaufenster zum Dom“.
Neben der Kulturfabrik erhielt ein weiteres Schlüsselprojekt des städtebaulichen Gesamtkonzeptes hier seinen Platz: Das Museum Fürstenwalde eröffnete im Juni 2007 in der sanierten Domschule mit einer neuen Dauerausstellung.
Es trägt in dreierlei Hinsicht zum Gesamtkonzept der Stadtentwicklung bei:
1. Das Museum ist ein Beitrag zur städtebaulichen, räumlichen Gestaltung des Stadtzentrums.
2. Die Neugestaltung des Museums und seines Umfeldes unterstützte die Integration der Bürger in den Stadtentwicklungsprozess, indem vielfältige Möglichkeiten für bürgerschaftliches Engagement wahrgenommen wurden.
3. Das Museum trägt zur Identitätsstiftung bei und unterstützt die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Stadt durch die Bildung von Heimatbewusstsein. Es führt allen Interessierten die Geschichte der Stadt und die Bedingungen ihrer Entwicklung vor Augen.

Die ehemalige Domschule, ein Bau aus dem Jahr 1845, war seit Jahren ungenutzt und dringend sanierungsbedürftig. Nach einer kontrovers geführten Diskussion, die von Abriss, Erstellung von Parkplätzen, bis zum Umbau zur Jugendherberge ging, fiel die Entscheidung, das Gebäude als neuen Standort für das traditionsreiche Museum Fürstenwalde herzurichten. Fast 1,5 Millionen Euro kostete die Sanierung. Damit erhielt das Gebäude inmitten des historischen Ensembles endlich einen städtebaulichen Sinn und trägt wesentlich zur Wiederherstellung des historischen Domumfeldes bei. Gleichzeitig war für diesen Bau eine ideale Nutzung gefunden: Denn wo ist ein Stadtmuseum besser untergebracht als im Herzen der Stadt?
Mit Dom St. Marien, Kulturfabrik und Museum treffen nun drei Symbole der Stadtgeschichte zusammen. Von welcher Seite man sich Fürstenwalde auch nähern mag, immer weist der beeindruckende Turm des Domes das Stadtzentrum aus. Und in seinem Umfeld finden Fürstenwalderinnen und Fürstenwalder wie auch ihre Gäste ein breites soziokulturelles Angebot.
Dieses städtebauliche Programm behob einen gravierenden Missstand und machte einen wesentlichen Teil des Stadtzentrums wieder zum attraktiven Aufenthaltsort. Endlich wird der Domplatz wieder unterschiedlichsten Anforderungen an das Stadtzentrum gerecht. Er bietet dem Weihnachtsmarkt, Stadtfesten und Freiluftaufführungen einen Raum und sichert mit seinen verschiedenen Einrichtungen die Versorgung mit sozialer, kultureller, bildungs- und freizeitbezogener Infrastruktur. Das Domumfeld ergänzt damit den Einzelhandelsschwerpunkt Mühlenstraße/Am Markt/Eisenbahnstraße mit einem Erlebnisbereich. Die verschiedenen Einrichtungen bilden Treffpunkt und Programm für alle Generationen und Zielgruppen und steigern gleichzeitig das touristische Angebot.
Diese positive Entwicklung wird in wenigen Jahren abgeschlossen sein, wenn auch der sogenannte „Bananenkeller“, die Ruine einer weiteren Brauerei im unmittelbaren Domumfeld, wieder ein attraktiver Ort in der Innenstadt sein wird. Zwei wesentliche Schritte auf diesem Weg sind getan: Die Stadt konnte das Grundstück aus der Insolvenzmasse eines Investors erwerben und ein Workshop hat Ideen für den Umgang mit der innerstädtischen Brache präzisiert.Das Museum: Sichtbares Bürgerengagement
Ein erklärtes Ziel der Fürstenwalder Stadtpolitik besteht in der Förderung einer lebendigen Gemeinschaft mit und für die Bürgerinnen und Bürger. Dabei stieß die Idee der Schaffung eines neuen Standortes für das Museums von Anbeginn auf offene Ohren, hatte sich doch in dem ehemaligen Gebäude ein erheblicher Sanierungsstau ergeben und es bestand keine Chance, dort im Bestand den Einbau von Aufzügen und anderen zeitgemäßen Einrichtungen vorzunehmen.
Nach dem Umzug des Museums bewies eine Gruppe von enthusiastischen Geschichtsfreunden ein besonderes Maß an bürgerschaftlichem Engagement. Es gelang ihnen, ein sehr ungewöhnliches neues Wahrzeichen zurück in die Stadt zu holen: Ein Leuchtturm dominiert den Museumshof. Er wurde vor über hundert Jahren von der Fürstenwalder Firma Pintsch produziert und wies seit 1910 an der Ostsee vor Hiddensee Schiffen den Weg. Bürger der Stadt Fürstenwalde und ehemalige Mitarbeiter der Nachfolgeunternehmen von Pintsch setzten sich bei diversen Behörden für die „Heimkehr“ ein und organisierten Umzug und Restaurierung dieses einzigartigen Exponats der Industriegeschichte. Nun markiert der Leuchtturm eindrucksvoll das Museum, ist neues Wahrzeichen der Stadt und Sinnbild für Bürgerinitiative und -engagement. Damit erfüllte bereits die Entstehung des Museums ein Ziel des Stadtentwicklungsprogrammes, nach dem möglichst viele EinwohnerInnen am Prozess beteiligt sein sollten.Das Museum: Der Bürger im Mittelpunkt der Ausstellung
Das Stadtmuseum leistet einen nachhaltigen Beitrag, das Geschichtsbewusstsein der Bürger für ihre Stadt zu erwecken bzw. zu vertiefen. Es thematisiert die Geschichte, zeigt die Besonderheiten der Entstehung und weckt Interesse sowie Verständnis für das „So-Sein“ des Ortes.
Bereits für die erste Konzeption des Museums war dieser Gedanke wesentlich. Der Museumsleiter Guido Strohfeldt und sein Kollege Florian Wilke sahen in der Erforschung und Bewahrung der Fürstenwalder Geschichte eine Kernaufgabe des Museums. Dabei wollten sie sich von der Präsentation einer Sammlung verabschieden und stattdessen die Geschichte der Stadt erzählen. Gegenwartsbezüge durften zur Identifikation natürlich nicht fehlen. Der Ausstellungsgestalter Kurt Ranger plante im Team mit der Historikerin Dr. Kristiane Janeke ein Museum, das dokumentiert, wie die Arbeit vieler Generationen bis ins Heute weiterwirkt.
Was auch immer ein Besucher aus einer Ausstellung für sich mitnimmt, hängt zu einem großen Teil von ihm ab: Belehrung oder geistige Anregung, Vergnügen oder spielerische Animation zur Eigeninitiative, Unterhaltung oder Entspannung. Ohne Zweifel jedoch liegt ein ebenso großer Teil in den Händen der Ausstellungsmacher, dem Besucher diese Wahl zu bieten.
Das Projektteam erarbeitete ein Konzept, das überlieferte Fürstenwalder Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt stellt. Aus Fotografien bzw. historischen Darstellungen wurden lebensgroße Erzählfiguren entwickelt. Die thematische Einführung jeder Abteilung übernimmt eine solche historische Persönlichkeit. Mit Beschreibungen ihres Alltags, ihres Tuns oder Kommentaren zum historischen Geschehen führen sie die Besucher durch das Haus und erläutern das Werden und Wachsen der Stadt. Das Ergebnis ist ein publikumsorientiertes, lebendiges Museum, das die Stadtentwicklung und die Menschen ins Zentrum rückt und Raum zum Treffen und kulturellen Austausch bietet.
Im Obergeschoss befindet sich die Dauerausstellung zur Geschichte Fürstenwaldes. In fünf Räumen erfährt man hier, wie steinzeitliche Siedlungen entstanden, warum Fürstenwalde gerade an diesem Ort gegründet wurde und sich stetig weiterentwickelte. Die Besucher erhalten Einsichten über die große Rolle der Industrialisierung der Stadt und darüber, welche Spuren die Kriege in Fürstenwalde hinterließen und wie es der Stadt immer wieder gelang aufzublühen.
Viele interessante Objekte illustrieren die Geschichte der Stadt. So hat auch der größte Talerfund des Dreißigjährigen Krieges auf deutschem Boden, „Der Talerschatz zu Fürstenwalde“, einen angemessenen Platz erhalten. Er stellt eine Besonderheit der Sammlung dar, ein Kleinod, auf dessen Besitz die Fürstenwalder stolz sein dürfen.
Ein weiteres Glanzlicht beherbergt das Kellergeschoss: Die geologischen Sammlung zum Thema eiszeitliches Geschiebe ist eine der umfangreichsten Deutschlands. Genauso ist dem Grafiker und Maler G. Goßmann und dessen bekannten Buchillustrationen ein gesonderter Ausstellungsbereich gewidmet. Im Sonderausstellungsraum werden ausgewählte geschichtliche Themen vertieft oder neue unbekannte Geschichten erzählt.
Die Idee, historische Bürger durch das Museum führen zu lassen, setzt sich bis in den Außenraum fort. Im Stadtzentrum stehen zwei der lebensgroßen Figuren und weisen den Weg ins Museum. Die Stadtentwicklung als Ausstellungsthema
Auch der Aspekt der Stadtentwicklung selbst findet in der Ausstellung Raum. Damit bietet das Museum allen Interessierten die Möglichkeit, die Stadtentwicklung als Prozess zu begreifen. In den Fluren des Gebäudes befinden sich zwei Wandabwicklungen, die in je acht Metern Länge die Stadtgeschichte in Fakten und Karten darstellen und durch einen Zeitstrahl in Relation zum Zeitgeschehen setzen. Ein Stadtmodell aus dem alten Museum erhielt einen neuen Rahmen und einen neuen Platz in der Präsentation.
Fast zwei Jahre nach Eröffnung hat sich eindeutig erwiesen: Das neue Museum hat sein Platz im Herzen der Stadt eingenommen und macht die Durchdringung von Geschichte und Gegenwart unmittelbar erlebbar.
Autoren:
Anne Fellner, war bis Ende 2008 Beigeordnete der Stadt Fürstenwalde und ist jetzt Leiterin des Bereichs Wohnungswirtschaft und -politik des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V.
Kurt Ranger, ist Museumsgestalter und Geschäftsführer von Ranger Design, Stuttgart und arbeitet schwerpunktmäßig im Kommunikationsdesign (Ausstellungsgestaltung, Gestaltung von Werbekampagnen und Zeitschriften), www.ranger-design.com
Ansprechpartner für Nachfragen:
Constanze Bütterlin
Ranger Design
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